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Die Zukunft der Lehre?

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Wie hat sich die Hochschullehre in den letzten Jahren verändert? Welches sind aktuelle Trends? Wie wird sich die Rolle der Dozierenden in Zukunft gestalten? Pierre-André Chevalier und Andrea Vezzini, zwei Professoren mit über 20 Jahren Lehrerfahrung, entwickeln in einem Gespräch ihre persönliche Sicht auf diese Fragen.

Was hat sich in den letzten 20 Jahren für Sie in der Lehre im Wesentlichen verändert?
Chevalier:
Während der ersten Phase meiner Lehrtätigkeit in der Ingenieurausbildung waren die Studierenden im gleichen «kulturellen Bad» wie ich, als ich selbst studiert hatte: Im Wesentlichen benutzten wir gedruckte Quellen, wie man sie in einer Bibliothek findet. Dieses Modell, das sich auf die Fachliteratur auf Papier abstützte, hatte bis zum Ende des 20. Jahrhunderts Bestand. Dann kam das Internet und gewann stets an Bedeutung. Dies hatte in der Lehre ganz wesentliche Veränderungen zur Folge. Verändert haben sich damit wahrscheinlich auch die intellektuellen Mechanismen beim Wissenserwerb, also was sich beim Lernen in den Köpfen der Studierenden abspielt. Diese Entwicklung zwingt mich, meine Unterrichtsmethoden ganz entscheidend anpassen.

Vezzini: Ich habe fast immer im Abschlussstudienjahr eine Vertiefungsrichtung unterrichtet. Da haben sich die Inhalte stark geändert. Gerade im Bereich der Halbleiter- oder der Mikroprozessoren gab es grundlegende technologische Umwälzungen. Auch die Anwendungen sind extrem vielfältiger geworden, sei es durch die Fortschritte in der Photovoltaik oder in der E-Mobilität. Das Internet hat auch für mich Änderungen gebracht, wenn auch nicht so massive. Es ist eine wichtige Informationsquelle, die Usecases sind jedoch sehr stark erfahrungsabhängig und eng mit Wirtschaftspartnern verknüpft. Die Auslegung eines Antriebs für ein Elektrofahrzeug etwa findet man nicht ohne Weiteres im Netz.

 

Dr. Andrea Vezzini

«Das Ziel moderner Lehre ist es, dass das erworbene Wissen gefestigt und für die Studierenden anwendbar wird. Darin sind wir besser als das Internet!»

Wo stehen wir heute?
Chevalier:
Solange wir Papierdokumente verwendeten, betonte ich bei den Studierenden immer wieder mit Nachdruck: «Es genügt nicht, wenn Sie einen Text im Unterricht einfach vor sich haben und anschauen. Halten Sie Notizen und Kommentare in Ihrem Skript fest, gehen Sie ganz persönlich aktiv mit dem geschriebenen Text um.» Die Entwicklung geht jedoch derzeit nicht in diese Richtung. Die Dozierenden kommen heute mit dem Computer oder dem Tablet in die Lektion, benutzen Beamer, PowerPoint und Multimedia-Tools. Die Studierenden haben ihrerseits den Laptop oder das Tablet vor sich und sind kaum mehr motiviert, etwas schriftlich festzuhalten. Die Lehrenden müssen sich an diese neue Situation anpassen; sie müssen neue intellektuelle Methoden und didaktische «Tricks» finden, um besser und überzeugender zu sein als das Internet. Die Lernenden müssen deutlich erkennen, dass sie etwas Wesentliches verpassen, wenn sie dem Unterricht fernbleiben.

Vezzini: Ich überlege mir, wie sich die Lehre in Zukunft ändert. Dazu muss man verstehen, wie unsere Studierenden zu Wissenden werden: Zuerst wird Wissen vermittelt, dann verarbeiten und festigen die Studierenden dieses Wissen, schliesslich muss das Wissen angewendet werden.
Wir befinden uns heute in einer Umbruchphase. Wenn wir uns als Dozierende bisher auf die Wissensvermittlung spezialisiert haben, dann rückt dies in den Hintergrund. Es gibt zu vielen Themen perfekte Videotutorials im Internet. Die Studierenden wissen dann aber oft nicht, wie sie die einzelnen Wissenselemente miteinander verknüpfen können. Im Unterricht zeige ich Zusammenhänge auf und gehe auf individuelle Fragen und Bedürfnisse ein.
Das Ziel moderner Lehre ist es, dass das erworbene Wissen gefestigt und für die Studierenden anwendbar wird. Darin sind wir besser als das Internet!

Wie sehen Sie die Lehre der Zukunft?
Chevalier:
Es bedarf einer intensiven Reflexion über die Lernziele, die man erreichen will, über das Wissen, das man vermitteln will, über die entsprechenden Anforderungen und die Anwendungen. So sind z. B. gewisse mathematische Probleme, wie man sie vor zehn Jahren den Studierenden als Übung aufgab, heute nicht mehr schwierig genug. Denn mit den aktuellen technischen Mittel lassen sich die Lösungen viel leichter und schneller finden. Also braucht es komplexere Aufgaben, die ein höheres Mass an Reflexion, Erklärung, Entwicklung und Tiefe erfordern. Dies führt zur Idee des «Projekts»: Hier gilt es mit einer gewissen Beharrlichkeit ein anspruchsvolles und herausforderndes Problem zu lösen.

Vezzini: Viele Tools haben sich durch die Digitalisierung entwickelt. Aber die Methoden der Wissensvermittlung sind oft noch sehr ähnlich wie früher. Mit der Digitalisierung wird sich auch die Wissensvermittlung grundsätzlich verändern. Mein Traum: Der Wissenserwerb erfolgt durch die Studierenden zu Hause mit Lektüre, Videos usw. Zudem gibt es einen Dozierenden- Avatar, der über künstliche Intelligenz mit den Studierenden interagiert. Wenn diese etwas nicht verstanden haben, wechselt das Lernprogramm auf einen alternativen Pfad, passt sich also dem individuellen Lernverhalten an.

 

Pierre-André Chevalier

«Jeder und jede Dozierende muss die Freiheit haben, sein Arbeitsfeld so zu definieren, wie es der eigenen Persönlichkeit, dem eigenen Stil am besten entspricht.»

Ihre Wünsche in Hinblick auf den Campus Technik?
Chevalier: In erster Linie gilt es, die Lehrfreiheit zu garantieren, das ist sehr wichtig. Jeder und jede Dozierende muss die Freiheit haben, sein Arbeitsfeld so zu definieren, wie es der eigenen Persönlichkeit, dem eigenen Stil am besten entspricht. Weiter ist die kollegiale Zusammenarbeit zentral. Diese funktioniert derzeit ausgesprochen gut. Diese konstruktive Arbeitsatmosphäre darf sich auf dem Weg zum Campus keinesfalls verschlechtern, indem man etwa die Lehre harmonisieren, normieren und standardisieren möchte. Insbesondere muss die persönliche, privilegierte Beziehung zwischen Dozierenden und Studierenden bewahrt bleiben. Mit 25 bis 30 Studierenden ist es möglich, auf die Bedürfnisse des Einzelnen einzugehen. Diese Art der Beziehung ist eine der Grundlagen unseres Hochschultyps, und dazu müssen wir Sorge tragen.

Vezzini: Eine der besonderen Stärken der Fachhochschulen ist das Anwenden des Wissens, sei dies in Projekten, Studienarbeiten, Bachelor- oder Masterarbeiten. Dort müssen wir stets eine enge Zusammenarbeit mit der Industrie anstreben. Wichtig wären auch Gefässe oder Freiräume, wo wir Studierenden Gelegenheit zu eigenverantwortlicher Mitarbeit geben könnten, etwa im Rahmen von längeren Praktika in Forschungsgruppen. Das ist eine der Herausforderungen, die wir als Fachhochschule unbedingt annehmen müssen. So können wir uns gegenüber den technischen Hochschulen und für unsere Industriepartner als starke, praxisund anwendungsorientierte Forschungspartner positionieren.