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Bitte alle einsteigen, der Zug fährt ab!

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Für Dozierende, Studierende oder alle, für die lebenslanges Lernen eine Selbstverständlichkeit ist, bringt die Digitalisierung der Lehre beides: hervorragende neue Lernmöglichkeiten und grosse Herausforderungen. Digitalisierte Lehre ist neu. Um ihr Potenzial auszuschöpfen, müssen wir entsprechend neu denken und neu handeln! Das Thema ist nicht ein schweizerisches, sondern ein internationales. Sich umzuschauen, lohnt sich.

Bitte alle einsteigen: Die Digital Natives sind bereits im Zug, nun gilt es, die «analoge» Generation für die Fahrt zu gewinnen.

Dein Taxi mit dem Handy bezahlen? Standard in Kenia! Mobile Money kommt allmählich in die Schweiz, die Afrikaner zeigen uns, wie es geht. In Ländern, in denen die Mehrheit der Bevölkerung keinen Zugang zu einer Bank hat, sind Zahlungen per Mobiltelefon eine effiziente Alternative. Neue Technologien verbreiten sich in Entwicklungsländern also dank mangelnden Infrastrukturen und Ressourcen manchmal schneller als bei uns.
Schauen, wie es woanders läuft, das machen wir im Center for Development and Cooperation CDC der BFH jeden Tag. Wir begleiten diverse Projekte auf vier Kontinenten, wobei die meisten mit Berufs- oder Hochschulbildung zu tun haben. Selbst wenn neue Technologien von der Bevölkerung in einer eindrücklich schnellen Art angenommen werden, hinkt das Bildungssystem oftmals hinterher. In unseren Projekten im Ausland sind wir häufig mit den Grenzen einer statischen Hochschulbildung konfrontiert. Diese grundsätzlich anderen Systeme und Bedingungen vor Ort machen so manche Entwicklung und deren Konsequenzen deutlicher sichtbar als in der Schweiz.

Bosnien und Herzegowina
Nehmen wir z.B. Bosnien und Herzegowina, wo die Unterrichtsinhalte oft nicht mehr mit den wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Entwicklungen übereinstimmen. Leider kommt es nicht selten vor, dass Dozierende wie vor 20 Jahren eine Vorlesung im wahrsten Sinne des Worts vorlesen, manchmal gar denselben Text. Die Studierenden indes nutzen heute Laptops und Smartphones grundlegend effizienter als die respektablen Dozierenden und merken dadurch spätestens in der zweiten Vorlesung, dass sie sozusagen im falschen Film sitzen.

Indonesien
In Indonesien, dem viertgrössten Land, der zehntgrössten Wirtschaftsnation der Erde, ist die Situation wieder eine ganz andere. Vor ein paar Jahrzehnten wurde hier mit Schweizer Unterstützung eine vorbildliche Ausbildungsstätte mit starkem Praxisbezug für Schreinerinnen und Schreiner aufgebaut. Inzwischen hat sich der Privatsektor allerdings grundlegend gewandelt, denn die Unternehmen in der Möbelindustrie setzen auf industrielle Fertigung und haben in der Regel mehrere Hundert Mitarbeitende. Hier setzen Firmenchefs häufig lieber auf ungelernte Arbeiter mit Betriebserfahrung als auf die Schreiner aus der Ausbildungsstätte, die moderne Produktionstechnologien leider kaum kennen. Jetzt wird die Möbelindustrie in Zusammenarbeit mit der öffentlichen Hand eine grundsätzlich neue Schule aufbauen: Diese wird im Kern ausgerichtet auf die Bedürfnisse des Privatsektors. Für die Schreinerausbildungsstätte ist die Zukunft ungewiss.

Soziale Trägheit
Diese Entwicklungen im Ausland erscheinen widersprüchlich. «Man müsste doch nur …», denkt man. Allerdings widerspiegeln diese Beispiele ein interessantes menschliches Verhalten, das oft dann zu beobachten ist, wenn grundsätzliche Veränderungen anstehen: Die Menschen verharren in ihrem «business as usual», wie das Reh nachts auf der Landstrasse im Scheinwerferlicht. Sobald Aspekte des Neuen an die Menschen herangetragen werden, verteidigen sie vehement, was sie bis dahin gemacht haben. Sie argumentieren, dass Bestehendes auf echten Werten, Traditionen und vor allem Konzepten beruhe, die sich schon immer bewährt hätten. Die Soziologie nennt dieses Phänomen Soziale Trägheit.

Analog und digital
Und was hat all dies mit der Zukunft der Lehre an der BFH zu tun? Wir sind auch Menschen, sind träge, haben unsere Gewohnheiten und Wahrheiten und bekunden ebenfalls Mühe, mit den immer schnelleren Veränderungen Schritt zu halten. Die Dozierenden sind «analog» aufgewachsen, sie wissen, was eine Wählscheibe ist. Die Studierenden indes, die wir für ihre berufliche Laufbahn ausbilden sollen, die in fünf Jahren überhaupt erst anfängt, sind alle Digital Natives1. Wenn diese Hunger haben, dann machen sie drei, vier Fingerbewegungen und sehen anschliessend auf ihrem Display, wie die Pizza den Ofen verlässt und sich kontinuierlich in Richtung ihrer GPS-Koordinaten bewegt, bis der Lieferant vor ihnen um die Häuserecke biegt. Das kann man gut finden oder nicht. Fakt ist jedoch, dass diese Menschen mit Unverständnis auf die Forderung reagieren werden, dass sie am Ende des Studiums bitte fünf Exemplare ihrer Abschlussarbeit auf Papier abgeben sollen – auf Papier!

Neue Dynamik
Dieser Gegensatz betrifft natürlich auch die Hochschuldidaktik: Anstatt über 15 Minuten Frontalvortrag hinauszugehen, wechseln gute Dozierende rechtzeitig die Unterrichtsmethode, mit dem Effekt, dass die Aufmerksamkeit der Studierenden wieder steigt und ihren unterschiedlichen Lernarten Rechnung getragen wird. Allerdings gibt es bereits mindestens so viele digital basierte Unterrichtsmethoden wie analoge. Auf beiden Seiten ist die ganze Bandbreite von Qualität vorhanden, was bedeutet, dass es auf der digitalen Seite Konzepte und Tools gibt, die genial sind. Nehmen wir z.B. die Quizfunktion der E-Learning-Anwendung Moodle. Die Dozentin hat einen neuen Kurs übernommen und weiss nicht, was die Studierenden schon wissen und können. Wenn die Dozentin die ersten fünf Minuten für ein Moodlequiz mit Fragen zum Kursthema nutzt, können die Studierenden dieses Quiz spielerisch mit ihrem Daumen überm Display durchgehen, und in der Sekunde danach wird das Ergebnis von 32 Studierenden im Diagramm dargestellt an die Tafel projiziert. Nicht nur die Dozentin, sondern auch jeder Studierende weiss damit sofort, was Sache ist. Fazit, der Einstieg ist top (aktiviert fokussiert auf das Thema), und alle nachfolgenden Lektionen können am tatsächlichen Niveau der Studierenden aufgebaut werden. Wichtiger noch, und das betrifft alle digital basierten Unterrichtsmethoden: Sie entsprechen der gewohnten Schnelligkeit und Effizienz der Studierenden, die sowieso ständig ihr Smartphone nutzen, und lenken damit ihre Aufmerksamkeit aufs Thema.

Wir befinden uns in einer digitalen Revolution und in einer weltweiten Lehr- und Lernrevolution. Um den Kreis zu schliessen: Ist es jetzt angeraten, sich auf unsere Gewohnheiten und Wahrheiten zu verlassen, oder wäre es besser, neu zu denken und neu zu handeln? Im Gegensatz zu anderen Ländern fehlen uns die Ressourcen nicht. Die Digitalisierung der Lehre ist jetzt, bist du dabei?


1 | sog. «digitale Ureinwohner», in der digitalen Welt aufgewachsen, im Gegensatz zu den «digital immigrants», den «digitalen Einwanderen»