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Kinderbuch für blinde und sehbehinderte Kinder

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Das Institut für Drucktechnologie der Berner Fachhochschule hat ein Kinderbuch für blinde und sehbehinderte Kinder produziert. Es ist eine Geschichte über eine kleine Maus auf der Suche nach leckerem Käse. Das Buch enthält farbenfrohe Illustrationen, 3-D-gedruckte Blindenschrift und Reliefbilder.

Die Geschichte über die Maus
Mici ist eine kleine Maus und hat einen grossen Appetit. Auf einmal umströmt ein verführerischer Käseduft ihre Nase. Neugierig schnuppernd folgt Mici der Geruchsspur und stolpert in ein abschüssiges Lüftungsrohr. Sie fällt durch das Rohr hinab und plumpst in eine stockfinstere Speisekammer. Wird die pfiffige Maus den leckeren Käse in der Dunkelheit trotzdem finden? Aksinja Kermauner hat die Geschichte von der kleinen Maus Mici speziell für blinde und sehbehinderte Kinder im Schreib- und Lesealter geschrieben. Die slowenische Autorin arbeitet als Sprach- und Kunstlehrerin am «Institute for Blind and Visually Impaired Children » in Ljubljana in Slowenien.

Die Umschlagseite des Kinderbuchs: Der Hintergrund, die Maus, der Käse und die Texte sind vierfarbig auf Karton gedruckt. Zusätzlich
sind die Blindenschrift (oben links) und die Grafik (unten rechts) als haptische 3-D-Elemente darübergedruckt.

Die Gestaltung des Kinderbuches
Um die Geschichte den blinden und sehbehinderten Kindern in Buchform zugänglich zu machen, wäre es der übliche Weg, zuerst den Text in Blindenschrift zu übersetzen und dann auf einer Punktschriftmaschine auf dicken Kartonseiten auszudrucken und zu einem Buch zu binden.
Für die Geschichte mit der Maus Mici wollte das Institut einen neuen Weg beschreiten und ein Kinderbuch schaffen, das sowohl für blinde und sehbehinderte Kinder wie auch für ihre normal sehenden Geschwister, Eltern, Grosseltern und Lehrpersonen gleichermassen interessant ist. Es sollte ein Buch sein, das Blindenschrift, tastbare Bilder, farbige Illustrationen und Text in Kombination enthält. Ausserdem sollte das Buch möglichst kostengünstig mit gängigen industriellen Druckprozessen und Druckmaschinen hergestellt werden können.
Diese Aufgabenstellung war wie zugeschnitten für Tjaša Krivec, unsere slowenische Austauschstudentin im Erasmusprogramm. Sie hatte während ihres Studiums viel Erfahrung in der Herstellung taktiler Repräsentation von Kunstwerken gesammelt und sollte nun die Geschichte von der Maus Mici in ein Kinderbuch umsetzen und drucken lassen.
Sehr wichtig bei der Buchgestaltung war die Zusammenarbeit mit Schülerinnen und Schülern sowie Lehrpersonen des Heilpädagogischen Schul- und Beratungszentrums Sonnenberg in Baar. Denn in der Geschichte kommen nebst der Maus Mici auch ein Lüftungsrohr, eine Zitrone, eine Erdbeere, ein Maiskolben, eine Banane, eine Ananas und ein Käse vor. Die Entwicklung der taktilen Darstellungen dieser Objekte erfolgte in mehreren iterativen Schritten. Dank der Rückmeldungen vom Sonnenberg konnten die haptischen Elemente stark vereinfacht und für die Kinder klarer erfassbar gestaltet werden. Das Design und die Illustrationen des Buchs haben sehr viel Zeit in Anspruch genommen, mit vielen Änderungen und Anpassungen, bis das Abenteuer der Maus Mici gleichermassen interessant und kindergerecht aufbereitet war.

Zum Vergrössern klicken | Der Maiskolben als haptisches Designelement: Den Kindern gelingt es beim Ertasten der gedruckten Bildstrukturen, diese als Maiskolben zu erkennen.

Drucktechnische Anforderungen 
Das Buchformat wurde auf 210 mm × 125 mm mit  Ringbindung festgelegt. Kinder können dieses Format  gut in den Händen halten, und dank der Ringbindung  können die Seiten komplett umgeklappt werden. So  kann das Buch auf den Tisch gelegt werden, ohne dass  die Seiten von selbst wieder zuklappen, wie dies bei  anderen Buchbindungen der Fall wäre. Die Blindenschrift  und die haptischen Designelemente sollten mit  3-D-Druck hergestellt werden, wobei das Inkjet-Druckverfahren  am besten geeignet erschien. Bei diesem  Druckverfahren werden nacheinander dünne Tintenschichten  aufeinander gedruckt und mit UV-Licht gehärtet.  Die gedruckten Reliefstrukturen sind sehr detailreich,  weisen eine Höhe von bis zu 0,5 mm auf und  bieten eine sehr gute Tastbarkeit. Da die Geschichte mit  den Fingern gelesen wird, fiel die Wahl auf eine klare  Tinte, welche ein gutes Tastgefühl vermittelt, den Lesefluss  nicht behindert, gesundheitlich unbedenklich ist  und die Normen für Kinderbücher erfüllt. Bei dicken  Tintenschichten kann nach längerer Zeit ein starker  Vergilbungseffekt auftreten, weshalb Proben während  180 Stunden in einer Xenontestkammer unter simuliertem  Sonnenlicht künstlich gealtert wurden. Die  Resultate der künstlichen Alterung zeigten, dass die  gewählte Tinte nur gering vergilbt und somit den visuellen  Eindruck des Buches nicht beeinträchtigt. 

3-D-Druck des Prototyps 
Bevor das Kinderbuch für den Druck in Auftrag gegeben  werden konnte, ging es darum, einen geeigneten  Arbeitsablauf und die Prozessparameter für den 3-DDruckprozess  zu ermitteln. Dazu wurden im Institut  mehrere Prototypen des Kinderbuchs hergestellt, wobei  das Drucken auf einem eigens dafür entwickelten  und mit industriellen Inkjet-Druckköpfen ausgerüsteten  Labordrucker erfolgte. Die Kinder und Lehrpersonen  vom Sonnenberg haben die Prototypen  anschliessend  bewertet. 

Gut zum Druck 
Nach unzähligen Druckversuchen lag der finale Prototyp  des Kinderbuchs vor, und der Druckerei konnte  das Gut zum Druck erteilt werden. Das Drucken der haptischen  Elemente erfolgte dabei auf einer neuartigen  digitalen Lackiermaschine. Mit dieser speziellen  Druckmaschine ist es möglich, Reliefdrucke herzustellen.  Die dazu notwendigen Druckdaten wurden der  Druckerei als PDF-Dateien übermittelt.