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Medikamentenlogistik darf nicht an der Spitaltüre enden

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Die Medikamentenlogistik ist ein Thema, das bei Gesundheitsfachpersonen auf nur wenig Interesse stösst. Hier passieren aber immer wieder Fehler, die die Patienten schädigen. Eine Bachelorarbeit der Medizininformatik zeigt mittels Umsetzung im Living-Lab,wie der Medikationsprozess in Zukunft laufen könnte.

Laut Patientensicherheit Schweiz gibt es jährlich mindestens 700 bis 1700 fehlerbedingte Todesfälle1 von Patienten in Schweizer Spitälern. Nebst Spitalinfektionen und Behandlungsfehlern in der Chirurgie treten auch im Bereich der Medikation viele vermeidbare Zwischenfälle auf. Glücklicherweise enden diese Preventable Adverse Events (=PAE, vermeidbare Behandlungszwischenfälle) selten tödlich. Viele Patienten erleiden jedoch vorübergehende (30–50%) oder permanente (9%) Schädigungen, die nicht selten zu einem verlängerten Spitalaufenthalt sowie zu Mehrkosten in Millionenhöhe führen.

Medikation mit Fehlerquellen
Einen detaillierteren Blick auf die Herausforderungen bei der Medikation und deren Teilprozesse zeigt Abbildung1. 
Während bei der ärztlichen Verordnung und Transkription schon länger der Nutzen einer elektronischen Prozessunterstützung bekannt ist2,3 und passende Lösungen eingeführt werden, besteht bei den nachfolgenden Schritten noch Nachholbedarf. 
Ein Blick in die stationären Einrichtungen des Schweizer Gesundheitswesens zeigt eine sehr heterogene Landschaft, bei der insbesondere die Medikamentenlogistik vielerorts noch Verbesserungspotenzial hat. Die elektronische Unterstützung des logistischen Prozesses stoppt heute leider oft nach dem Eintreffen der Produkte in der Zentralapotheke des Spitals. Die Vorteile einer durchgängigen Supply Chain (Versorgungs- bzw. Lieferkette) werden erst in letzter Zeit erkannt: tagesaktuelle Bestandeskontrollen, automatische Nachbestellungen und Warnhinweise für Produkte, die z.B. das Ablaufdatum überschritten haben, gehören in vielen Institutionen noch nicht zum Standard. Weiter fehlt oft eine Infrastruktur für die Patientenidentifikation am Patientenbett,die für eine elektronische Bestätigung der Medikamentenabgabe unabdinglich ist. Die Abgabe von Medikamenten wird zurzeit oft noch manuell auf einer Kardex-Karte oder im klinischen Informationssystem (KIS)dokumentiert. Diese Medienbrüche führen zu Unsicherheiten und Behandlungsfehlern und sollten zukünftig vermieden werden.

Abbildung 1: Fehlerquote der verschiedenen Teilprozesse der Arzneimitteltherapie – Verordnung, Transskription, Dispensation, Anwendung – und deren Anteil an allen Medikationsfehlern (Abbildung nach Thürmann, 2011)

Vom Hersteller bis zum Patientenbett
Die Zusammenführung eindeutig identifizierbarer Medikamente und elektronisch erfasster Patienten am Bett würde die Supply Chain im Schweizer Gesundheitswesen komplettieren und eine vollständige Rückverfolgbarkeit von Medizinprodukten ermöglichen. Diese ist nötig, wenn Fälschungen identifiziert werden sollen oder im Fall von fehlerhaften Produktionen Chargenrückrufe so schnell wie möglich erfolgen müssen. So würden logistische Prozesse vereinfacht und auf der medizinischen Seite die Patientensicherheit erhöht. Im Rahmen einer Bachelorarbeit in der Medizininformatik der Berner Fachhochschule wurde ein Konzept für die Umsetzung einer vollständigen Supply Chain – vom Hersteller bis ans Patientenbett – entwickelt und im Living-Lab der Medizininformatik in Biel aufgebaut. Hier wird der gesamte Prozess durch eine plastische Darstellung der Logistikkette in der Schweiz visualisiert (Abbildung 2). Dazu wurden verschiedene Softwarelösungen entwickelt, welche die grundlegenden Funktionen zur Abwicklung der logistischen Prozesse innerhalb der Versorgungskette anbieten. Der Aufbau beinhaltet auch eine elektronische Richtstation sowie eine App für das Scannen am Patientenbett (Bedside-Scanning). Hier kann gezeigt werden, dass eine sichere Medikation im stationären Bereich nur dann möglich ist, wenn der Datenaustausch sicher, lückenlos und in Echtzeit erfolgt. Werden alle Schritte der Herstellung, Medikamentenverordnung und -abgabe elektronisch dokumentiert, sprechen wir von einer sogenannten Closed-Loop-Medication.

Abbildung 2: Diorama mit der Medikationslogistik im Living-Lab der Medizininformatik: Der Weg der Medikamente von der Herstellung via Logistikfirma bis zum Patientenbett kann verfolgt werden. Hier die Anlieferung der Medikamente im Spital.

Wo stehen wir heute? 
Am 1. Januar 2019 trat die «Falsified Medicines Directive » der EU in Kraft, welche rezeptpflichtige Medikamente gegen Fälschungen sicher machen soll. Mittels nicht fortlaufender Seriennummern pro Arzneimittelverpackung kann festgestellt werden, ob ein Medikament ein Originalprodukt ist. Dazu muss vor Abgabe an den Patienten die Arzneimittelverpackung gescannt und so aus dem System ausgecheckt werden. Viele Schweizer Spitäler sind sich aber noch nicht im Klaren, wann genau die Packungen gescannt und aus dem System ausgecheckt werden sollen. In einer Umfrage bei verschieden Häusern hat sich gezeigt, dass ein Scannen am Patientenbett technisch noch nicht umgesetzt ist. Bei der technischen Umsetzung für eine eindeutige Identifikation des Patienten zeigte zudem die gleiche Onlinebefragung zum Thema Patientenidentifikation, die an 264 Schweizer Spitäler versandt und von rund 80 beantwortet wurde, folgende Resultate: Das Interesse an der Thematik nimmt zu. Rund die Hälfte der befragten Schweizer Spitäler verwendet Patientenarmbänder zur sicheren Identifikation der Patienten oder plant, diese einzusetzen. Eine Mehrheit setzt aber keine maschinenlesbare, sondern nur menschenlesbare Patientenidentifikationsbänder ein. Damit ist kein automatischer Check möglich, und die heutigen Medienbrüche und damit Fehlerquellen bleiben bestehen. Hier sind in Zukunft einfache technische Lösungen gefragt, die die Pflegefachleute beim Bereitstellen und bei der Abgabe der Medikamente unterstützen. Die Medizininformatik der BFH ist an mehreren Projekten beteiligt, die sich mit der sicheren Medikamentenlogistik und der Closed-Loop-Medication auseinandersetzen. Unser Ziel ist es, das Bedside-Scanning so in den Pflegeprozess zu integrieren, dass es die Arbeit der Pflege nicht mehr stört und somit die Patientensicherheit wesentlich erhöht wird.

 

Quellen 
1 Kobler I, Schwappbach D, ThinkTankNr.2 «Mehr Patientensicherheit durch Design: Systemische Lösungen fürs Spital», Stiftung Patientensicherheit Schweiz, 2017 
2 Bates DW, O’Neil AC, Boyle D, et al. Potential identifiability and preventability of adverse events using information systems. J Am Med Inform Assoc 1994; 1: 404–11. 
3 Kohlhof H, Hartel MJ, Holm J et al. eMed™: Computerised physician drug order entry optimises patient safety. Swiss Medical Informatics 62: 40–42, 2007.