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«Menschen lernen gern, wenn der Wissensdurst brennt»

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Wie sieht die ideale «Hochschullehre 2025» aus? Wiebke Twisselmann, neue Vizerektorin Lehre der Berner Fachhochschule, nimmt Stellung.

spirit biel/bienne: Frau Twisselmann, wie stellen Sie sich ein «ideales Lehr- und Lernumfeld» vor?
Ich beginne im letzten Jahrhundert, nämlich mit der Erinnerung an die Lehr- und Lernumfelder, die ich selbst erlebt habe. In den 70er-Jahren ging ich in Deutschland auf ein sehr traditionsbewusstes Gymnasium. Da gab es nüchterne Klassenzimmer, Tische und Stühle fast zwanghaft ordentlich aufgereiht. Dazu viele Oberstudienräte, bei denen man aufstehen musste, wenn sie den Raum betraten und man sie zu begrüssen hatte. Anschliessend gehörte die Bühne ihnen, und sie «brachten uns etwas bei». Ihr Wissen schien enorm, egal ob es Latein, Geografie, Kunst oder Religion war. Man bekam neben den Fachnoten eine Note für «Mitarbeit » im Unterricht. Eine gute Note gab es, wenn man sich häufig meldete, Fragen stellte oder auf Fragen anderer eigenständige Antworten formulierte. Dazu kam, dass man hin und wieder nach vorn zitiert wurde und coram publico etwas vortragen musste. Vorbereitet, aber auch unvorbereitet. Das hört sich heute schrecklich an, aber ich bin gern aufs Gymnasium gegangen und habe dort viel gelernt.

Direkt nach dem Abitur besuchte ich eine Fachschule für Medizinisch-Technische Assistentinnen. Diese Schulen gab es üblicherweise an grossen renommierten Universitätskliniken. Dort hatten wir überwiegend Theorieunterricht. Vorlesungsstil, aber Kleinklasse. Und wir durften und mussten als Praktikantinnen immer wieder für mehrere Wochen in verschiedenen Abteilungen der Kliniken im Alltagsgeschehen mitarbeiten. Da lernte man richtige Arbeitsplätze und technische Infrastruktur kennen, kam in Kontakt mit Patientinnen und Patienten, mit leidenden Menschen. Für mich ein gelungener Theorie-Praxis-Transfer. In den 80er-Jahren studierte ich dann an der Universität in Zürich Sozialpsychologie. Dort erlebte ich Hauptvorlesungen mit 300–400 Studierenden, aber auch Seminare mit 30 Personen oder Tutorate mit weniger als 10 Teilnehmenden. Dieser Mix tat gut, war lehrreich. Sich in ganz unterschiedlichen Lehrformaten und Lernumgebungen behaupten zu müssen, hatte es in sich. Heute würde man sagen, da wird auch die Auftrittskompetenz geschult und die Fähigkeit, sich in Gruppen einzufügen.

Lernprozesse geschehen im Projektlernen, in Praktika, Laborsituationen, begleiteten Onlinephasen, in Peergruppenlearning.

Was war an diesen unterschiedlichen Institutionen der Bildung das Gemeinsame?
Die BFH ist eine Mehrspartenhochschule. Es macht einen Unterschied, ob man einen Bachelor in Fine Arts, einen Bachelor in Agronomie mit Vertiefung in Nutztierwissenschaften oder einen Bachelor in Medizininformatik anbietet. Die Lehr- und Lernumgebungen müssen verschieden gestaltet werden. Wenn Sie mich also nun fragen, was wäre ideal und lässt sich allgemeingültig formulieren? Dann lautet meine Antwort: Wir als Fachhochschule müssen Lehr- und Lernumgebungen zur Verfügung stellen, die ungeachtet aller technologischen Fortschritte und didaktischen Raffinessen die basalen Grundsätze des Lernens berücksichtigen: Menschen lernen gern und ganz freiwillig, wenn sie neugierig sind, wenn sie sich für etwas interessieren, wenn der Wissensdurst brennt. Und wenn sie etwas Neues wissen, dann möchten sie das meistens irgendwie ausprobieren. Also brauchen wir Lehr- und Lernumgebungen, die bei Studierenden ihre Neugier wecken, das Interesse fördern, den Wissensdurst steigern. Und den Raum für Austausch unter Peers und für Eigeninitiative zur Verfügung stellen. Und für unsere Dozierenden müssen die Lehr- und Lernumgebungen Abwechslung im methodisch- didaktischen Vorgehen zulassen, Freiräume bieten, um die Studierenden eigene Erfahrungen machen zu lassen.

Braucht es in Zukunft noch Dozierende? Wenn ja, welche?
Dozierende wird es immer brauchen. Unterrichten, erzählen, vorzeigen, Vorlesungen halten ... Das alles ist heute und besonders an Fachhochschulen schon der kleinere Teil der Lernsettings. Lernprozesse geschehen im Projektlernen, in Praktika, Laborsituationen, begleiteten Onlinephasen, Peergruppenlearning und beim Schreiben von Texten. Spätestens seit Bologna ist klar, dass Dozierende auch Beraterinnen und Berater sind. Der Teil der Beratungsleistung steigt wohl weiter an. Lernförderliche Beziehungen sind wichtig und werden bei aller Digitalisierung nicht an Bedeutung verlieren. Und auch im Erwachsenenalter spielt das Lernen am Modell weiter eine grosse Rolle. Dozierende aus Fleisch und Blut dozieren, beraten und sind Rollenmodelle. Ich hoffe sehr, dass das so bleibt.

 

Prof. Wiebke Twisselmann

«Wir brauchen Lehr- und Lernumgebungen, die bei Studierenden ihre Neugier wecken, das Interesse fördern, den Wissensdurst steigern.»

Die Digitalisierung ist auch in der Lehre allgegenwärtig. Sind Sie dabei?
Was für eine Frage! Die BFH ist eine der wenigen Hochschulen, die eine E-Learning-Strategie erarbeitet haben. Die hochschulweite Diskussion zu den Chancen und Risiken der Digitalisierung läuft. Die zwei Bauvorhaben (Campus Biel/Bienne und Campus Bern), die uns dazu zwingen, in die Zukunft zu schauen, legen auch nahe, sich über Departementsgrenzen hinaus über den Status quo auszutauschen. Ich sehe nachvollziehbare grosse Unterschiede beim Ausmass der Innovationen in der Lehre. Das ist einerseits häufig berufsfeldspezifisch bedingt, andererseits aber auch generationenbedingt. Ich behaupte jetzt einfach mal: Das Gros der älteren Dozierenden braucht länger, um sich die neuen Technologien zunutze zu machen. Wenn wir als ganze Hochschule eine zukunftsfähige Entwicklung anstreben, dann müssen wir differenzierte Förderinitiativen und Unterstützungsangebote machen und finanzieren, auf individueller Ebene und auf Ebene der Fachbereiche und Studiengänge.

Wie wichtig sind für Sie überfachliche Kompetenzen – auch in Bezug auf den Diversity-Aspekt?
Sie sprechen eines meiner Lieblingsthemen an. Wir könnten uns als BFH hier entschieden positionieren. Wenn wir uns auf Ebene Hochschulleitung eine Diskussion über das Bildungsverständnis erlauben, das unsere sämtlichen Anstrengungen rahmt. Ich möchte nicht abschliessend Phrasen dreschen, aber ich finde, wir haben gute Gründe, nicht einfach Topfachleute mit maximaler Expertise in ihre Arbeitswelt zu entlassen: Die Herausforderungen der Zukunft werden allen Absolventinnen und Absolventinnen einen breiten Horizont, Verantwortungsgefühl für unsere Gesellschaft und die Kompetenz abverlangen, Aufgaben interdisziplinär zu bewältigen. Wir sollten darauf in allen Curricula vorbereiten. Damit ist natürlich noch keine Antwort gegeben, wie wir zu einem besseren Geschlechtermix in den technischen Studiengängen kommen. Das Thema muss mehr Platz einnehmen, als mein Schlusssatz hier zulässt.

Dozierende sind auch Beraterinnen und Berater.