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Spitzensport und Studium unter einem Hut

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Nicolas Hojac gehört zu den vielversprechendsten Schweizer Alpinisten der neuen Generation. Dank des modularen Aufbau des Bachelor-Studiengangs schafft es der 25-jährige Könizer, den zeitaufwendigen Spitzensport und sein Studium in Maschinentechnik unter einen Hut zu bringen.

Nicolas Hojac: Vorzeigeathlet für das moderne Bergsteigen.

«Aktueller Vorzeigeathlet für das moderne Bergsteigen» sei Nicolas Hojac, schrieb der «Tages-Anzeiger» im Mai dieses Jahres. Der Spitzenalpinismus der Zukunft liege in der kontinuierlichen Kombination von Tempo und Schwierigkeit. Und wenn es um die Weiterentwicklung des Stils von Ueli Steck gehe, sei der BFH-Student ganz vorne dabei. Dass Hojac und der inzwischen tödlich verunglückte Steck 2014 gemeinsam den Seilschaftsspeedrekord in der Eigernordwand aufstellten (3:46 Std.), ist demnach kein Zufall.

«Fehlstart» mit Vollzeitstudium
Erstaunlich ist dagegen, dass es Hojac schafft, parallel zum Spitzensport auch noch ein Studium an der BFH zu absolvieren. Immerhin trainiert er jede Woche 15 Stunden, braucht dazu auch viel Regenerationszeit, hält Vorträge und arbeitet noch einen Tag pro Woche als Routenbauer in der Kletterhalle Magnet in Niederwangen. Ganz so unproblematisch war es für den gelernten Automatiker aber nicht, das alles unter einen Hut zu bringen. «Im ersten Jahr an der BFH startete ich mit einem Vollzeitstudium und brachte meine Leistung weder im Sport noch im Studium», blickt Hojac zurück. Drei Module habe er damals nicht bestanden und auch im Bergsteigen gemerkt, dass er zu gleich starken Athleten langsam den Anschluss verliere. «Jedes Training, das man auslässt, spürt man.»
Das war für den heute 25-Jährigen aus Niederscherli bei Köniz der Wendepunkt. Er fasste sogar ins Auge, das Studium an den Nagel zu hängen. Stattdessen entschied er sich dann, auf ein Teilzeitstudium zu wechseln. «Die Flexibilität, die mir dieser etwas längere Studiengang bietet, ist genau das Richtige für mich.» Seitdem habe er alle Module bestanden und sich auch im Spitzensport wunschgemäss weiterentwickeln können.

 

Nicolas Hojac

«Die Flexibilität, die mir dieser etwas längere Studiengang bietet, ist genau das Richtige für mich.»

Er schaffte zum Beispiel die Aufnahmeprüfungen ins Expeditionsteam des Schweizerischen Alpen-Clubs SAC, das vom Schweizer Fernsehen SRF begleitet wurde. Gemeinsam mit vier anderen Alpinistinnen und Alpinisten genoss er eine umfangreiche Ausbildung in den Gebirgen der ganzen Welt, die nur alle drei Jahre angeboten wird. «Die Umstellung auf das Teilzeitstudium war mega einfach », blickt der ehemalige Eishockeyspieler des EHC Schwarzenburg zurück. «Ich kam in eine neue Klasse und hatte es zu Beginn nicht so streng, weil ich ein paar Module bereits absolviert hatte.»

Nicolas Hojac | Mit Leidenschaft unterwegs

Die Zukunft «zweigleisig» planen
Aktuell absolviert Nicolas Hojac das sechste Semester in Maschinentechnik an der Berner Fachhochschule BFH und ist dabei, das Thema für seine Bachelorthesis einzugeben. «Vielleicht dreht es sich um eine Produktentwicklung zusammen mit meinem Sponsor Mammut», verrät er. «Das ist ein Feld, das ich mir auch für meine Zeit nach dem Studium vorstellen könnte.» Aktuell lebt Hojac noch bei seinen Eltern, weil er mit einem 20-Prozent-Job nicht auf eigenen Beinen stehen kann. Ganz vom Bergsteigen zu leben, sei schwierig. «Mit Vorträgen könnte ich zwar sicher mehr einnehmen als jetzt, ich will aber auf jeden Fall zweigleisig planen.»
Seine Eltern, bei denen er wohnt, möchte er nach dem Studium nämlich schon entlasten. «Ohne ihre Unterstützung könnte ich mein jetziges Leben nicht in dieser Form führen.» Ihnen sei wichtig, dass er glücklich sei mit dem, was er mache, betont Hojac. «Und sie sehen inzwischen auch, dass Bergsteigen für mich nicht nur ein Hobby ist.» Dazu hat fraglos auch seine TV-Präsenz beigetragen.
Sportlich reizen den BFH-Studenten unbekannte Gebirge viel mehr als die 8000er-Zone. Der technische Aspekt des Bergsteigens interessiert ihn deutlich mehr als die Höhenlage. «Im Thien-Shan-Gebirge im Nordwesten Chinas, wo wir zum Abschluss unserer SAC-Expeditionsausbildung waren, gibt es zum Beispiel viele unbestiegene Gipfel und kaum Kartenmaterial.» Er ist überzeugt, dass sich in der Öffentlichkeit auch solche Stories vermarkten lassen. «Klar muss man sich unterscheiden von anderen Alpinisten, aber man kann das auch mit einer solchen Ausrichtung tun.» Eine Teilnahme am Projekt «82 Summits», bei dem Ueli Steck in 80 Tagen zu Fuss, mit Velo und Gleitschirm alle 82 Viertausender der Alpen bestieg, hätte sich auch Nicolas Hojac vorstellen können. «Genau so bin ich in den Bergen auch oft unterwegs.»

Sinnkrise nach Ueli Stecks Tod
Der Tod seines guten Freundes Ueli Steck im Himalaja löste bei Hojac eine tiefe Sinnkrise aus. «Ich war sehr, sehr traurig, hatte viele Fragezeichen zu diesem Unfall und stellte mir auch selbst die Frage, ob es überhaupt Sinn macht, meine Karriere fortzusetzen.» Letztlich gehöre aber der Tod zum Leben, ist der 25-Jährige überzeugt. «Und meine Leidenschaft für die Berge ist so gross, dass ich gerne noch viele Projekte anpacken würde.» Nach dem Abschluss des Studiums würde er gerne zu 50 Prozent arbeiten und zu 50 Prozent Spitzensport betreiben. «Wichtig ist, dass einen die Arbeit nicht langweilt. Denn hier gilt das Gleiche wie im Sport: Motivation ist alles!»
Daran fehlt es Nicolas Hojac nicht. Er ist gerade zurück von einer Expedition in Pakistan und einer Ferienwoche mit seiner Freundin. «Das Teilzeitstudium entspricht genau meinen Bedürfnissen.» Er brauche den Austausch mit Klassenkameraden, deshalb hätte er sich ein Heimstudium nicht vorstellen können, sagt der Spitzensportler, der oft auch auf YouTube-Tutorials zurückgreift, um den Vorlesungsstoff besser zu verstehen. «Es ist unglaublich, wie viel Wissen dort frei zugänglich ist.» In seiner Klasse fühlt sich Hojac als einer der wenigen Automatiker unter vielen Polymechanikern und Konstrukteuren zwar schon ein bisschen als Exot, aber um das Interdisziplinäre gehe es schliesslich auch in der Arbeitswelt. «Dort arbeiten etwa Hardware- und Softwarespezialisten mit Marketingfachleuten berufsübergreifend zusammen.»


Nicolas Hojac mit dem SAC-Expeditionsteam unterwegs, begleitet von einem Kamerateam des SRF