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Vertrauen Sie ihrem Drogendealer im Netz?

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Das Darknet ermöglicht es, illegale Güter jeder Art auszutauschen. Wie bei jedem Handel braucht es dazu eine gewisses «Vertrauen»: der Kunden vertraut darauf, die Lieferung zu erhalten, der Verkäufer darauf, bezahlt zu werden. Dieses Vertrauen beruht einerseits auf einem Mechanismus der Reputation und andererseits auf Kontrolle der Finanztransaktionen durch die Akteure.

Einige Cannabis-Angebote auf der Plattform Dream Market.

Kokain, Heroin, Medikamente, Haschisch, Nummern von Kreditkarten, Paypal-Konten. Im Darknet können Sie alles kaufen. Das Darknet ist ein Teil des Internets, der mit einem normalen Browser nicht zugänglich ist. Dazu braucht es passende Werkzeuge. Zugang findet man, indem man das Tor-Netzwerk (The Onion Routing) und insbesondere den Tor-Browser verwendet. Dieses Netzwerk wird normalerweise gebraucht, um sich im Internet anonym zu bewegen. Im Darknet sind Seiten mit der Endung .onion zu finden, auf die man vom normalen Internet aus keinen Zugriff hat. Die meistbesuchten Seiten im Darknet sind «Shops», wo man Produkte aller Art kaufen kann. Die ersten grossen virtuellen Schwarzmärkte waren Silk Road, Black Market Reloaded und AlphaBay. All diese Plattformen wurden inzwischen polizeilich geschlossen. Aktuell bietet Dream Market am meisten Produkte an. Derzeit sind etwa 100’000 Einträge vorhanden. Man findet die unterschiedlichsten Drogen (Cannabis, Ecstasy, Medikamente), aber auch digitale Produkte (Kreditkarten-Nummern, Scans von Identitätskarten) oder Dienste (falsche Pässe oder Führerscheine).

Bewertung des Anbieters team10uk auf der Plattform Dream Market.

Im Darknet gibt es kein Gericht
Auf diesen Plattformen herrscht strikte Anonymität. Weder die Verkäufer, noch die Käufer möchten erkannt werden. Deshalb mussten auf diesen Seiten Techniken eingeführt werden, um dieser Intransparenz entgegenzuwirken. Denn wer in einem solchen «Shop» etwas kauft, möchte die entsprechende Lieferung erhalten, und zwar in der gewünschten Qualität. Und wer verkauft, will bezahlt werden. Deshalb wurden Mechanismen geschaffen, die das Vertrauen erhöhen sollen.
Wenn ein Kunde mit einem Produkt der Migros ein Problem hat, kann er es zurückbringen und das Geschäft wird ihm das Geld zurückerstatten. Wenn dies nicht der Fall ist, kann sich der Kunde beschweren oder die Zahlung per Kreditkarte verweigern. Das schafft Vertrauen in den Kaufvorgang. Der Käufer ist sicher, sein Produkt zu erhalten, oder er bekommt sein Geld zurück. Bei Streitigkeiten ist ein Gang vor Gericht möglich.
Im Darknet gibt es aber kein Gericht, keine Person, die man belangen könnte, keine Möglichkeit, eine Bitcoin-Transaktion zu annullieren. Darum wurden auf solchen Plattformen Verfahren kreiert, um den Käufern ein Höchstmass an Vertrauen zu vermitteln und gleichzeitig die Anonymität der Verkäufer zu schützen.
Der erste Mechanismus ist auf allen Verkaufsplattformen ähnlich: Er beruht auf dem guten Ruf. Bei jedem Verkäufer wird die Anzahl der getätigten Transaktionen aufgeführt sowie die Rückmeldungen der Kunden. Jeder Käufer ist angehalten, seine Meinung zu äussern (manchmal ist dies obligatorisch). Ein potenzieller Käufer kann also sehen, ob der Verkäufer seriös war und wie die Qualität der Ware ist.
Um einem Verkäufer die Adresse mitzuteilen, müssen die Käufer diese mit dem öffentlichen Schlüssel des Verkäufers verschlüsseln. Nur dieser besitzt den privaten Schlüssel, mit dem er diese Adresse lesen kann. Auf diese Weise kann niemand auf der Plattform die Adresse der Kunden in Erfahrung bringen. Der öffentliche Schlüssel des Verkäufers ist wie dessen Identitätskarte. Er wird denselben Schlüssel auf allen Seiten verwenden, auf denen er aktiv ist. Da Darknet-Shops durch die Polizei regelmässig geschlossen und beschlagnahmt werden, dient der öffentliche Schlüssel auch dazu, die eigene Reputation von der einen auf die nächste Plattform zu transferieren. Man kann also zum Beispiel auf Dream Market wissen, welches der Ruf eines Verkäufers auf AlphaBay war.

Escrow oder Multisig?
Eine Transaktion mit Bitcoins ist unwiderruflich. Ein Käufer kann sich also nicht weigern, ein nicht geliefertes Produkt zu bezahlen, falls er die Bitcoins bereits überwiesen hat. Wenn andererseits der Verkäufer seine Ware vor der Bezahlung liefert, kann er den Käufer auch nicht ausfindig machen, falls dieser nicht bezahlt. Es gibt zwei Methoden, um die Sicherheit solcher Transaktionen zu verbessern. Im ersten Fall verwendet man die Plattform als Treuhänder (engl.: escrow).
Der Käufer hinterlegt das Geld auf einem Konto, das durch die Plattform kontrolliert wird. Sobald der Käufer bestätigt, dass er die Ware erhalten hat, wird das Geld an den Verkäufer überwiesen. Das grosse Problem bei diesem Mechanismus besteht darin, dass beide Akteure der Plattform nur bedingt vertrauen können. Einige Administratoren sind mit der Kasse durchgebrannt, andere Plattformen wurden durch die Polizei beschlagnahmt.
Ein anderes System, um Zahlungen sicherer zu machen, ist Multisig mit Bitcoins. Bei diesem System kreieren drei Akteure (Käufer, Verkäufer und Plattform) ein gemeinsames Bitcoin-Konto. Es braucht dann die Zustimmung von zwei der drei Beteiligten, damit das Guthaben ausgezahlt wird. Normalerweise bestätigt der Käufer der Plattform, dass die Transaktion geklappt hat. Die Plattform signiert diese Transaktion und leitet sie an den Verkäufer weiter. Diese muss seinerseits nur noch signieren. Im Fall von Streitigkeiten zwischen Käufer und Verkäufer übernimmt die Plattform die Rolle eines Schiedsrichters und entscheidet, wer wieviel erhält. Wenn die Plattform ausfällt, können Käufer und Verkäufer über das Geld verfügen.
Ohne Vertrauen gibt es keinen Handel. Im Darknet hat Vertrauen aber Seltenheitswert. Jeder versucht mit möglichst geringem Risiko Handel zu treiben, indem die Reputation des Verkäufers bzw. der Plattform überprüft oder der Geltransfer kontrolliert wird. Das genügt aber nicht, um das Darknet wirklich sicher zu machen. Es gibt zahlreiche Akteure, die daran interessiert sind, dass Transaktionen misslingen: Gauner, um schnell Geld zu verdienen; Konkurrenten, um ihre eigenen Produkte zu verkaufen; konkurrierende Plattformen, um die Konkurrenz auszuschalten oder Polizeikräfte, um solche Plattformen zu infiltrieren und zu schliessen.
Es sind riesige Interessen von sehr mächtigen Akteuren im Spiel. Das Risiko, das Opfer bösartiger Angriffe zu werden, ist auf solchen Plattformen enorm hoch. Die Massnahmen, um sich im Darknet einigermassen sicher bewegen zu können, übersteigen die Kompetenzen eines durchschnittlichen Users bei Weitem. Anonymität, Sicherheit der Transaktionen, Reputation – diese im Darknet verwendeten Techniken können aber auch im gewöhnlichen Leben nützlich sein. Einige dieser Methoden auf den Bankenbereich, auf E-Commerce oder E-Health zu übertragen, ist auf jeden Fall eine sehr anregende Herausforderung.