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Cleantech als Chance für die Fachhochschulen

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Cleantech bezeichnet eine ressourcenschonende und damit nachhaltige Art des Wirtschaftens. Unter diesem Begriff werden Technologien, Herstellverfahren und Dienstleistungen zusammengefasst, die zum Schutz und zur Erhaltung der natürlichen Ressourcen und Systeme beitragen. Christian Wasserfallen erklärt, warum er im Bereich Cleantech ein grosses Wachstumspotenzial und eine Chance für die Fachhochschulen sieht.

hitech: Das Thema Cleantech steht zurzeit hoch im Kurs. Wie stehen Sie als Politiker und Ingenieur dazu?

Christian Wasserfallen: Ich stehe Cleantech sehr positiv gegenüber, es ist zweifellos ein wichtiger Wirtschaftsbereich. Allerdings wollen einige politische Kreise Cleantech mit massiven staatlichen Subventionen in der Gesellschaft verankern. Meine Philosophie hingegen ist: Wenn Menschen und Unternehmen erkennen, dass ihnen diese Technologien ökonomische und ökologische Vorteile bringen, sind sie auch von sich aus bereit zu investieren.

Bei der Stromgewinnung zeichnet sich ein Umdenken ab: Die erneuerbaren Energien gewinnen an Akzeptanz. Wie soll die Politik darauf reagieren?

Wir leben in einem Land, in dem die erneuerbare Energie im Strombereich eine reiche Erfahrung hat. Mit Wasserkraft können wir um die 60% unseres Strombedarfs decken. Zusätzlich kommen jetzt Photovoltaik, Windenergie, Biomasse, Geothermie und andere neue erneuerbare Energien dazu, die ein grosses Potenzial haben. Jedoch müssen wir nicht nur bei der Nuklearenergie, sondern auch bei den anderen Energietechnologien eine kritische Sichtweise beibehalten: Welches sind die Möglichkeiten? Was sind die Nachteile bzw. die Risiken? Eine reine Hurra-Politik ist nicht angesagt. Je diversifizierter unser Energieangebot ist, desto unabhängiger sind wir.

Auch bei der nachhaltigen Mobilität sind wesentliche Fragen noch offen. Welche stehen für Sie im Vordergrund?

Bei der Mobilität ist eine Verlagerung von fossil betriebenen hin zu Elektrofahrzeugen absehbar. Aber wir können in der Schweiz nicht autark bestimmen, wie unsere Mobilität aussehen soll. Denn wir haben keine produzierende Automobilindustrie. Zudem gibt es wichtige Infrastrukturfragen wie etwa die der Stromtankstellen zu klären. Das sind Aufgaben, die nur gesamteuropäisch gelöst werden können. Die Fragen der Verteilnetze inklusive der Einbindung in Smart Grids («intelligente Stromnetze») spielen eine wichtige Rolle, wenn die Schweiz mit der EU über ein Stromhandelsabkommen verhandelt. Das sind Themen, um die man hart zusammen ringen muss.

Damit verbunden ist übrigens auch eine gigantische Umlagerung von Geldern: Heute kennen wir die Benzinsteuer und die Motorfahrzeugabgaben, die wir teilweise nach Hubraum klassifizieren. Gehen wir vermehrt in Richtung Elektromobilität, stellt sich die grundsätzliche Frage: Wo kommt das Geld her, wenn man praktisch kein Benzin mehr braucht und keinen Hubraum hat? Hier geht es letztlich um Milliardenbeträge, die nicht nur den Individualverkehr, sondern auch den öffentlichen Verkehr betreffen, weil diese Finanzströme eng miteinander verbunden sind.

Welche Rolle spielen die Fachhochschulen im Cleantech-Bereich?

Die Fachhochschulen definieren sich durch ihre Praxis- und Anwendungsorientierung. Entsprechend sind für mich die Fachhochschulen der Schlüssel zum Erfolg bei der Durchsetzung von neuen Technologien. Gefragt sind qualitativ hochstehend Produkte, die ein gutes Preis-Leistungsverhältnis und wenn möglich noch attraktives Design aufweisen. Wenn neue Technologien in der Bevölkerung breite Akzeptanz finden, werden junge Menschen auch dazu motiviert, in einer entsprechenden Fachrichtung zu studieren.

Die Berner Fachhochschule, Technik und Informatik hat in Sachen Energie- und Mobilitätsforschung eine sehr lange Tradition. Die Gründung des neuen Institute for Energy and Mobility Research (IEM) ist ein zukunftsweisender Schritt, weil damit die verschiedenen Aktivitäten konzentriert werden können. Es geht darum, zusammen mit führenden Firmen angewandte Forschung und Entwicklung zu betreiben und innovative Produkte zu entwickeln, die auf dem Markt bestehen können. Auf diesem Gebiet kann sich die Berner Fachhochschule massiv profilieren.

Ist Cleantech auch bei Ihrer eigenen Tätigkeit als Ingenieur ein Thema?
Im Maschinenbau achten die Firmen vermehrt darauf, weniger Ressourcen und umweltfreundliche Materialien zu verwenden, zudem wollen sie die Produktivität bei den Maschinen erhöhen. Mit der gleichen Energiemenge will man einerseits mehr abtragen, fräsen und schleifen können und andererseits den Prozess schneller beenden, damit man mit der gleichen Energiemenge die Stückzahlen erhöhen kann.

Ihre Schlussfolgerungen?

Cleantech ist für mich nicht ein einzelnes politisches oder gesellschaftliches Projekt, sondern ein klares Querschnitt-Thema. Cleantech bedeutet nicht, einzelne Photovoltaik-Anlagen auf Hausdächer zu installieren oder einen möglichst CO2-armen Strommix zu generieren. Vielmehr es ist eine Thematik, die sich umfassend (auch) mit Energie- und Mobilitätsfragen beschäftigt und somit alle Lebensbereiche durchdringt – vom Grosskraftwerk bis hin zum energieeffizienten Wäschetrockner. Wir dürfen uns nicht zu sehr auf einzelne Aspekte fokussieren, sondern müssen immer die ökologischen und ökonomischen Zusammenhänge im Auge behalten.    

Infos

Solar Impulse gilt als Schaufenster der Technologien der Zukunft. An den Lösungen, die für das Solarflugzeug entwickelt werden, arbeiten auch Absolventen der BFH-TI mit.