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Nachhaltige Mobilität

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Der Titel verheisst, dass man den Leistungsauftrag zur Erfüllung der Mobilitätsbedürfnisse aller Betroffenen nicht nur heute, sondern auch in Zukunft ernst nimmt. Die Einschränkung der Mobilität ist aber keine Option, und noch viel weniger das Festhalten am jetzigen Zustand.

Ohne Zweifel wird der Elektromobilität künftig eine Schlüsselrolle zukommen – an ihr führt kein Weg vorbei –, darüber sind sich die meisten einig. Die alleinige wird sie aber bei weitem nicht sein. Trotz «E-Hype» werden zu Recht auch dem Verbrennungsmotor noch viel Einsparpotenzial und eine lange Zukunft prognostiziert. Weiter werden multimodaler Verkehr, Car-Sharing und Internet genauso wichtig sein, wollen wir die Zukunft nicht verschlafen. Autonomes Fahren ist zwar noch Zukunftsmusik. Der Trend zu immer intelligenteren Fahrerassistenzsystemen schreitet aber zügig voran. Viele der dafür notwendigen Techniken zur Vernetzung des Autos mit seinen Nachbarn und der näheren Umgebung sind schon weit ausgereifter, als die breite Öffentlichkeit und manche Meinungsbildner es realisieren.

Ein integratives Konzept nachhaltiger Entwicklung

Die genauen Szenarien der zukünftigen Mobilität kennt niemand, und man ist geneigt zu sagen «zum Glück». Konsens herrscht aber darüber, dass die CO2-Emissionen drastisch reduziert werden müssen. Erst kürzlich hat die Europäische Kommission im Zusammenhang mit der Strategie «Verkehr 2050» ein Verkehrsweissbuch veröffentlicht, in dem sehr ambitiöse Ziele gesetzt werden. Bis 2050 sollen die verkehrsbedingten CO2-Emissionen um 60 Prozent sinken, liess die Europäische Kommission am 28.3.2011 verlauten. Selbstverständlich stossen nicht alle vorgeschlagenen und dazu notwendigen Massnahmen unisono auf Zustimmung. Vermutlich etwas allzu euphorisch lässt der zuständige Vizepräsident Siim Kallas verlauten: «Wir können die Abhängigkeit des Verkehrssystems vom Öl aufheben, ohne seine Effizienz zu opfern und die Mobilität einzuschränken, so dass sich rundherum nur Vorteile ergeben.»1)

Priorität wird die Herstellung sauberer, sicherer und leiser Fahrzeuge für alle Verkehrsträger sein: von Strassenfahrzeugen über Schiffe bis zu Eisenbahnen und Flugzeugen. Zu den Schlüsselbereichen gehören alternative Kraftstoffe, neue Werkstoffe, neue Antriebssysteme sowie die IT-Werkzeuge und Verkehrsmanagementinstrumente zur Verwaltung und Integration komplexer Verkehrssysteme.

Konkret könnte das für die Akteure der Mobilität heissen: den Energieverbrauch der Fahrzeuge in hohem Mass zu reduzieren, ihren CO2-Ausstoss unter die symbolische 100-Gramm-Grenze zu drücken, sich sukzessive vom Erdöl unabhängig zu machen und mit der Entwicklung von neuen Energieträgern und Quellen neue Perspektiven zu eröffnen. Weiter besteht die Notwendigkeit, den Verkehr nicht nur sauberer, sondern auch sicherer zu gestalten, die Geräuschentwicklung zu senken und die Kommunikation sowohl zwischen Fahrzeugen untereinander als auch zur gegebenen Infrastruktur zu verbessern.2)

Die heutigen Mobilitätskonzepte erlauben das Erreichen solcher Ziele nicht, schon gar nicht in den Städten mit explodierenden Bevölkerungszahlen. Emissionsfreie Fahrzeuge sind gefordert und zwar am besten sofort. Elektromobilität kann, wie gesagt, helfen, einen Teil dieser Forderungen zu erfüllen. Was allerdings gekauft wird, entscheidet der Kunde. So wie man ihn kennt, wird er vermutlich keine drastisch verminderten Reichweiten und keine wesentlich höheren Kosten akzeptieren. Daraus ergibt sich die Notwendigkeit für die Parallelentwicklung von Hybrid-, Verbrennungs- und Elektroantrieben sowie Leichtbaufahrzeugen mit teilweise neuen Materialien. Ingenieurinnen und Ingenieure für diese Disziplinen sind gefragt wie nie zuvor. Vermehrt laufen wieder Optimierungen an der Brennstoffzelle und Forschungsprojekte für alternative Energieträger. Die Infrastruktur der Energieerzeugung, -versorgung und -abrechnung bietet neben vielen neuen Chancen aber auch noch Risiken.

Mobilitätsforschung am IEM

Bei der Beantwortung dieses umfangreichen Paketes mit all seinen komplexen und vernetzten Fragen will unser neues Institute for Energy and Mobility Research (IEM) einen gewichtigen Beitrag leisten. Gemeinsam mit den Schwesterinstituten Dynamic Test Center und Abgasprüfstelle will die BFH-TI lösungsorientierte und umsetzbare Antworten liefern und bei der «Nachhaltigen Mobilität» in Zukunft eine wichtige Rolle spielen. Aufgrund der langjährigen Erfahrung unserer Forschenden und Mitarbeitenden auf diesen Gebieten sind wir dazu prädestiniert.

Mobilität wird bei uns noch mehrheitlich mit dem eigenen Besitz von motorisierter Mobilität gleichgesetzt. Am Horizont sind neue Formen erkennbar, getrieben durch die unter 30-Jährigen. Autobesitz steht dort nicht mehr unbedingt an oberster Stelle der mobilen Menükarte, Mobilität schon.

Schlusswort

Eine Ärztin, engagiert im «aefu»3), hat mir gegenüber in einem Gespräch kürzlich dargelegt, dass vom Mensch gemachte Umwelteinflüsse wie zum Beispiel Luftverschmutzung und Lärm zunehmend unsere Gesundheit negativ beeinflussen. Jedoch hat sie bekräftigt, dass die Volksgesundheit erwiesenermassen dort den höchsten Stand erreicht, wo die Wirtschaft gut funktioniert. Dazu sollte man Sorge tragen, und daran wollen wir im IEM arbeiten.   

Illustrationen: Simeon Krummenacher, BFH-TI
 

1) Christoph Baeuchle: Mit der Strategie «Verkehr 2050» will die EU-Kommission die Mobilität verbessern und gleichzeitig die CO2-Emissionen reduzieren. In: www.automobil-industrie.vogel.de.
2) P. Philipon et al. (2010): Einleitung (leicht geändert). In: Mobilität Morgen, der nachhaltige Strassenverkehr der Zukunft, Michelin Challenge Bibendum, Paris, S. 10.
3) aefu: Ärztinnen und Ärzte für Umweltschutz; www.aefu.ch