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Schutz vor Naturgefahren – Quo vadis?

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Naturgefahren führen in der Schweiz jährlich zu Schäden von über 300 Mio. CHF (Mittel seit 1972; Eidg. Forschungsanstalt für Wald, Schnee und Landschaft [WSL], 2016). Zwar schwanken die Schäden von Jahr zu Jahr stark, doch langfristig ist ein deutlich ansteigender Trend festzustellen (Vereinigung Kantonaler Feuerversicherungen [VKF], 2013; WSL, 2016). Woran liegt das, wo führt diese Entwicklung hin und wie können wir ihr begegnen? 

Gründe für die bisherige Schadenentwicklung
Die Gründe für den Anstieg von Schäden durch Naturgefahren liegen einerseits im Bevölkerungswachstum der Schweiz, weswegen zusätzlich Wohnraum und Infrastruktur geschaffen werden muss. Da jedoch eine grosse besiedelbare Landesfläche bereits verbaut ist, muss vermehrt auf noch unbebaute Gebiete ausgewichen werden, die häufiger und/oder intensiver von Naturgefahren betroffen sein können. Dabei sind Bergregionen besonders attraktiv zum Wohnen. Doch gerade dort treten Prozesse wie Sturzfluten, Murgänge oder Lawinen auf, die zu Naturgefahren werden können. Andererseits wird vermehrt teurer und bzgl. Naturgefahren empfindlicher gebaut, etwa werden statt Fensterläden heute oftmals Storen verwendet, die bei Hagel oder Sturm viel leichter Schaden nehmen. Und schliesslich treten Extremereignisse aufgrund des Klimawandels häufiger auf. 
Jedoch wären die Schäden vermutlich noch deutlich stärker angestiegen, wenn nicht ungefähr zur Jahrtausendwende der Bund einen Paradigmenwechsel von der Gefahrenabwehr zur Risikokultur vollzogen (PLANAT, 2002) und das Integrale Risikomanagement (IRM; siehe Kasten) von Naturgefahren kontinuierlich auf- und ausgebaut hätte. Als wirkungsvolles Instrument zur Schadensreduzierung bewährte sich etwa die raumplanerische Massnahme von Gefahrenkarten.

Herausforderungen für die Zukunft
Da mit einem weiteren Siedlungsdruck auf potenziell gefährdete Flächen, dem Voranschreiten des Klimawandels und somit dem Anstieg von Schäden zu rechnen ist, sind im nächsten Jahrzehnt zusätzliche Anstrengungen zum Schutz vor Naturgefahren zu unternehmen. Hierfür ist die Aus- und Weiterbildung von Naturgefahrenfachleuten essenziell. Denn wenn etwa Objektschutzmassnahmen bereits bei der Planung der Bauwerke berücksichtigt werden, lassen sich viele Schäden vermeiden. Zudem sind innovative und anwendungsorientierte Lösungsansätze auf diesem Gebiet gefragt, und daher entsprechende Forschung und Entwicklung. Genau diesen Themen hat sich die BFH verschrieben.

Beitrag der BFH zum Schutz vor Naturgefahren
An der BFH engagieren sich die Gruppen Geotechnik und Naturereignisse  (Departement Architektur, Holz und Bau [BFH-AHB]) sowie Gebirgswald, Naturgefahren und GIS (Hochschule für Agrar-, Forst- und Lebensmittelwissenschaften [BFH-HAFL]) für den Schutz vor Naturgefahren. Sie bilden Bachelor- und Masterstudierende im Bereich Naturgefahren aus. Als Weiterbildung für Berufstätige bietet die BFH das schweizweit einzigartige CAS Gebäudeschutz gegen Naturgefahren an (ahb.bfh.ch/casgebaeudeschutz). Auch in der anwendungsorientierten Forschung und Entwicklung zu Naturgefahren ist die BFH aktiv:  

Beispiel-Projekte CoRoS und Flexible Facing
Unter den zahlreichen Projekten, in welchen die BFH Lösungen zum Schutz vor Naturgefahren erforscht und entwickelt, werden hier exemplarisch zwei vorgestellt. Im Projekt CoRoS wurde die hangstabilisierende Wirkung von Baumwurzeln in der Druckzone untersucht, im Projekt Flexible Facing ein innovatives System aus einer flexiblen Geflechtsabdeckung und ungespannten Ankern zur Steilhangsicherung entwickelt (siehe Bild).

Die Resultate von CoRoS ermöglichten es, das numerische Modell SOSlope der HAFL weiterzuentwickeln. Mit diesem kann simuliert werden, wie die Ernte einzelner Bäume eines Schutzwaldbestandes dessen Hangstabilität beeinflusst. So können Förster den Wald hinsichtlich der Holznutzung und Schutzwirkung optimal bewirtschaften.
Weitere Informationen zum Projekt CoRoS:
https://www.researchgate.net/publication/281809717_Root_reinforcement_of_soils_under_compression 

Aufgrund der Erkenntnisse aus dem Projekt Flexible Facing der AHB kann in Abhängigkeit von Neigung und Untergrund eines zu stabilisierenden Hangs der nötige Ankerabstand genauer berechnet werden, welcher bisher häufig zu klein gewählt wurde. Nun sind daher für diese begrünbare Hangsicherung weniger Anker als bisher nötig, was die Kosten deutlich senkt und dieses Verfahren gegenüber anderen, etwa vernagelten Spritzbetonwänden, konkurrenzfähiger macht.
Weitere Informationen zum Projekt Flexible Facing:
www.ahb.bfh.ch/fileadmin/content/F-E/Institut_SI/Dokumente/FS_SI_P_Geflechtsabdeckung_d.pdf 

Grossfeldversuch im Projekt Flexible Facing zur Simulation eines Steilhangs und zur Untersuchung der stabilisierenden Wirkung des neuartigen Systems aus Geflechtsabdeckung, Krallplatten und ungespannten Ankern.
 

Integrales Risikomanagement (IRM)

Unter IRM sind alle Methoden und Massnahmen zu verstehen, anhand derer ein definiertes Sicherheitsniveau erreicht werden soll, wobei alle Naturgefahren, alle Beteiligten und alle Massnahmenoptionen gemäss ökologischen, sozialen und ökonomischen Nachhaltigkeitsaspekten berücksichtigt werden sollen. Hierfür werden drei Fragen beantwortet: Was kann passieren? Was darf passieren? Was ist zu tun? (BAFU, 2016)