Analoge Produkte, digitale Bewirtschaftung

22. Oktober 2020
Oktober 2020

Im Rahmen der Initiative Wald & Holz 4.0 hat die BFH zusammen mit Expertinnen und Experten Instrumente entwickelt, die die Digitalisierung in der Wald- und Holzwirtschaft vorantreiben. Erste Ergebnisse liegen vor, ein Folgeprojekt ist geplant.

Rolf Baumann, Leiter Institut für digitale Bau- und Holzwirtschaft IdBH, BFH
Im produzierenden Sektor ist in der letzten Dekade kaum eine Fachveranstaltung oder ein Fachartikel ohne den Begriff Industrie 4.0 ausgekommen. Auch wenn der Begriff inzwischen entzaubert ist und manche ihn nach dem inflationären Gebrauch nicht mehr hören können: Die grossen Herausforderungen der digitalen Transformation stehen noch bevor. Was bedeutet dies für die Wald- und Holzwirtschaft? Ein Drittel der Landesfläche der Schweiz ist mit Wald bedeckt, Tendenz steigend. Der Wald erfüllt viele Funktionen und ist ein wichtiger Klimafaktor. Holz ist einheimisch, nachwachsend, CO2-neutral und eignet sich hervorragend für eine Kaskadennutzung in einer Kreislaufwirtschaft. Gleichzeitig geniesst Holz grosse Sympathien wegen seiner Haptik, seiner Ästhetik und seines Geruchs. Darüber hinaus gelingt damit selbst der Spagat zwischen Tradition und Moderne. Und natürlich ist Holz ein Wirtschaftsfaktor: Rund 80 000 Mitarbeitende erwirtschaften in 10 000 Unternehmen einen BIP-Anteil, der rund einen Viertel grösser ist als jener der Landwirtschaft. Was soll diese von KMU geprägte Branche anfangen mit Industrie 4.0? Welche Rolle spielen die material- und produktspezifischen Prozesse, und wie kann dieser einzigartige Rohstoff mit der digitalen Transformation verbunden werden? Hierfür wurde 2018 die Initiative Wald & Holz 4.0 ins Leben gerufen.

Fokussierung auf den Weg statt auf das Ziel

Wenn die digitale Transformation komplex ist, sich exponentiell entwickelt und alle Bereiche betrifft, von der Technologie über Kundenerlebnisse und Geschäftsmodelle bis hin zur Arbeitsform, wie kann da eine Fachhochschule Unterstützung bieten? Die Initiative Wald & Holz 4.0 hat den Spagat zwischen breiter Sensibilisierung und konkreten Ergebnissen versucht:
  1. Breites Netzwerk: Das Projektteam der BFH hat ein Netzwerk geknüpft aus acht Branchenverbänden, 60 führenden Wirtschaftsvertretern aus allen Wertschöpfungsbereichen und 15 Nachwuchskräften (Digital Natives). Das Bundesamt für Umwelt (BAFU) hat das Projekt im Rahmen des Aktionsplans Holz finanziell unterstützt.
  2. Branchenübergreifende Expertise: Eine wichtige Arbeitsgrundlage bildeten strukturierte Interviews mit Expertinnen und Experten aus Bereichen ausserhalb der Wald- und Holzbranche.
  3. Prioritäten mit Praxisbezug: In einem dreistufigen Prozess wurden die Themen aus den Bereichen – Technologie und Prozesse – Produkte, Services und Geschäftsmodelle   – Arbeit, Betriebs- und Branchenstruktur gemeinsam mit der Wirtschaft priorisiert und bearbeitet.
  4. Entwicklung von Tools: Zu den höchstpriorisierten Themen wurden erste konkrete Tools erarbeitet, z.B. der Strategie Check Wald & Holz 4.0.
  5. Wissenstransfer: Im Rahmen der Veranstaltung Konferenz Holz 4.0 werden die Instrumente vorgestellt und aktuelle Praxisbezüge hergestellt. Wegen der Coronapandemie wurde die ursprünglich als Präsenzveranstaltung geplante Konferenz in eine digitale Veranstaltungsreihe umgewandelt: Jeden letzten Mittwoch des Monats gibt es eine einstündige Veranstaltung zu einem Schwerpunkt. https://www.bfh.ch/de/aktuell/veranstaltungen/wald-und-holz-40/  

Hauptergebnisse

In der Initiative Wald & Holz 4.0 wurde ein Weg beschrieben, wie aus jedem der drei Themenbereiche ein konkretes Instrument definiert und umgesetzt wird. Auf Wunsch der Wirtschaftspartner wurden daraus sogar sechs Instrumente. Der Strategie Check Wald & Holz 4.0 ist bereits realisiert, andere Instrumente sind in der Fertigstellung. Das Projekt wird diesen Herbst abgeschlossen. Aus den Erfahrungen und Beobachtungen lässt sich die Vermutung ableiten, dass sich die Unternehmen der Wald- und Holzbranche in eine der folgenden vier Richtungen bewegen werden:
  • in Richtung Grösse: Grosse Unternehmen haben die Möglichkeit, die Komplexität der digitalen Transformation zu stemmen und am Markt Standards zu etablieren. Sie setzen auf Masse und die damit verbundenen Effekte. Eine Herausforderung und ein Wettrennen bleibt es trotzdem, denn «the winner takes it all».
  • in Richtung Nische: Nischen können mitunter spannende Geschäftsmodelle eröffnen. Unternehmen fokussieren sich auf ein spezifisches Leistungsangebot, bieten der Kundschaft einen klaren Mehrwert und übernehmen die Marktführerschaft in dieser Nische.
  • in Richtung Kooperation: Was sich allein nicht stemmen lässt, kann in der Gemeinschaft funktionieren. Wenn kleine Unternehmen kooperieren, können daraus leistungsfähige und insbesondere hochflexible Anbieter werden. Dabei sind verschiedene Arten und Bereiche der Kooperation denkbar. Diese Richtung dürfte auf die meisten Firmen zutreffen. Gleichzeitig kann hier die Initiative Wald & Holz 4.0 den vielleicht grössten Nutzen bieten.
  • in Richtung Rückzug: Dieser Weg führt in Richtung Geschäftsaufgabe, infolge einer schleichenden Schrumpfung oder abrupt über eine freiwillige Geschäftsaufgabe, eine ungelöste Nachfolge oder einen Konkurs.
Strategie Check Wald & Holz 4.0 - das Tool aus der Initiative unterstützt Unternehmen bei der Überprüfung und Weiterentwicklung ihrer Geschäftsmodelle im Hinblick auf die digitale Transformation.

Nebenergebnisse

Neben den veröffentlichten und noch zu veröffentlichenden Ergebnissen hat die Initiative Wald & Holz 4.0 weitere Aktivitäten, neue Fragestellungen und innovative Perspektiven auf bekannte Sachverhalte ausgelöst. So gründeten einige Westschweizer Unternehmer eine Gruppe, in der sie Themen weiterverfolgen, die insbesondere die Romandie betreffen. Das ist erfreulich, weil Kooperation eines der oben beschriebenen möglichen Erfolgsrezepte ist. Im Rahmen der Initiative Wald & Holz 4.0 wurde eingehend die Vision einer Smartfactory diskutiert. Die Ressourcen im Rahmen der Initiative reichten nicht, um dafür ein konkretes Instrument zu entwickeln. Auch hier formierte sich eine Unternehmergruppe und verfasste ein Grundlagenpapier. Das war mit ein Auslöser für die «Werkstatt der Zukunft»: In ihr wird ein visionärer, aber realistischer Weg in die digitale Zukunft schweizerischer Holzbearbeitungsunternehmen entwickelt. Es ist eine offene und neutrale Lern-, Entwicklungs-, Test- und Demoumgebung im Originalmassstab. Partner aus angewandter Forschung und Wirtschaft adaptieren und integrieren darin neue Technologien, Konzepte und Methoden modellhaft (siehe dazu auch das Interview in  dieser spirit-Ausgabe). Die Initiative Wald & Holz 4.0 stösst auf Resonanz: Die Anfragen für Referate, Interviews und Fachartikel häufen sich. So konnte das BFH-Forschungsteam weit über die eigentliche Initiative hinaus sensibilisieren, informieren und anregen und wurde im Gegenzug auch selbst weiter sensibilisiert, informiert und angeregt. Was bleibt, ist die Erkenntnis: Wir stehen erst am Anfang. Es sind noch viele weitere Schritte notwendig auf dem Weg zur digitalen Transformation der Holzbranche. Vor diesem Hintergrund bereiten die Forscherinnen und Forscher das Folgeprojekt «Plattform Wald & Holz 4.0» vor.
Infos  zur Initiative Wald&Holz 4.0 und zu den Veranstaltungen