Auf dem Weg zum Campus Biel Bienne

November 2015
  • Focus

René Graf, Direktor Departement Architektur, Holz und Bau AHB, und Lukas Rohr, Direktor Departement Technik und Informatik TI der Berner Fachhochschule BFH, über Chancen und Herausforderungen des Zusammengehens im neuen Campus Technik in Biel – ein Gespräch.

Inwiefern verbindet die Vergangenheit die beiden Departemente?

René Graf: Die zwei «Techs» in Biel und Burgdorf, aus denen unsere Departemente hervorgegangen sind, gehören zu den ältesten der Schweiz. Beide Bereiche verfügen über eine lange, teils gemeinsame Geschichte in der technischen Aus- und Weiterbildung.

Lukas Rohr: Ich finde es gut, wenn wieder zusammenkommt, was zusammengehört. Allerdings ist mit der Umwandlung der Ingenieurschulen zur Fachhochschule ein neuer, erweiterter Leistungsauftrag dazugekommen, zu dem neben Lehre auch angewandte Forschung und Entwicklung (aF&E), Dienstleistung und Weiterbildung gehören. Welche Stärken haben die Departemente in den letzten Jahren entwickelt? Rohr: Die wichtigste Neuerung betrifft sicher die aF&E. Wir arbeiten eng mit der Industrie zusammen und akquirieren in diesem Bereich jährlich rund 14 Mio. Drittmittel für gemeinsame Projekte.

Graf: Die Entwicklung dieser aF&E war rasant. Proportional gesehen sind wir die stärksten Departemente der BFH, gemessen an Industrieprojekten. Auch national sind wir in beiden Bereichen gut positioniert dank der Arbeit unserer Dozierenden und Mittelbauangehörigen in den Forschungsinstituten.

Wo sind diese Stärken komplementär?

Rohr: Zu den Schnittpunkten, die wir zusammen bearbeiten können, gehört sicher die Photovoltaik. Da hatten wir schon gemeinsame Projekte, als zwei Hochhäuser in Zürich bei der Sanierung mit Photovoltaikfassaden ausgerüstet wurden. Weitere gemeinsame Themen sind die Haustechnik sowie die Werkstofftechnik. Für uns ist von Vorteil, dass die BFH-AHB nach wie vor über ein starkes Chemielabor verfügt, während der Chemiestudiengang im Departement Technik und Informatik 2005 aus finanziellen Gründen geschlossen werden musste.

René Graf

Graf: Hingegen hat die BFH-TI mit dem Aufbau und professionellen Angebot von Weiterbildungsprogrammen eine grosse Erfahrung, wovon wir profitieren können.

Wo stehen wir heute?

Graf: Die Ergebnisse des Architekturwettbewerbs sind bekannt. Vieles wird damit konkret, plastisch, greifbar – was intern und extern Erwartungen weckt. Jetzt gilt es, mit dieser Energie, die heute in den Departementen im Zusammenhang mit dem Campusprojekt spürbar ist, einen Mehrwert für die ganze BFH auszuarbeiten.

Rohr: Wir sind heute stark aufgestellt, mit etablierten Studiengängen, die mit einer fundierten Ausbildung unterschiedlichste Karrieren ermöglichen. Mit dem Campus erhalten wir die Chance, Studiengänge und aF&E unter einem Dach zu vereinigen. Dies fördert Interaktion und Effizienz.

Der Campus ist das Ende wovon und der Start wohin?

Rohr: Im Rahmen des Bologna-Modulsystems haben die Studierenden die Möglichkeit, aus einer Vielzahl von Modulen auszuwählen und sich ihr eigenes Schwerpunktprofil zusammenzustellen. Um dieses System erfolgreich zu realisieren, brauchen wir eine neue kritische Masse.

Hier wird es beim Zusammengehen im Campus interessant, wenn wir z. B. an der Schnittstelle von Bau und Technik interdisziplinäre Wahlmodule anbieten können. Ein anderes Thema ist die Internationalisierung. Um ausländischen Studierenden eine echte Austauschplattform bieten zu können, brauchen wir ebenfalls eine grössere kritische Masse. Mit nur wenigen ausländischen Studierenden ist es z. B. schwierig, geeignete Sprachkurse anzubieten. Deshalb ist das Zusammengehen der beiden Departemente auf dem Campus auch für die Qualität wichtig. Ein Qualitätsmerkmal ist eben, wenn ausländische Studierende zu uns kommen wollen, weil wir ihnen eine attraktive Ausbildung bieten.

Lukas Rohr

Graf: Das Zusammengehen im Campus ist für unser Departement in erster Linie der Weggang aus Burgdorf. Dies bedingt eine gute Vorbereitung – auch kultureller Natur. Hat es doch viele Mitarbeitende, die schon lange in Burgdorf arbeiten, dort integriert sind und wertvolle Arbeit leisten. Diese zu begleiten, ist eine der zentralen Aufgaben der nächsten Jahre. Denn wir sehen uns mit einer Vielzahl an Kulturen konfrontiert. Dies ist auch bei der Entwicklung eines neuen Lehr- und Lernkonzepts zu berücksichtigen. Zwar haben wir unterschiedliche Zugänge zur Lehre, sie können sich aber gegenseitig befruchten. Es gilt, einen Weg zu finden, wie wir die Lehre im gemeinsamen Campus umsetzen wollen. Es ist wichtig, die Mitarbeitenden frühzeitig in den Prozess einzubeziehen. Vieles kann durch die Zusammenarbeit der Leute erreicht werden. Im Vorfeld des Campusprojekts haben wir die Erfahrung gemacht, dass die Mitarbeitenden der beiden Einheiten wohlwollend und gut zusammenarbeiten. Eine weitere Herausforderung ist der Umzug der Fachbereiche Architektur und Bauingenieurwesen von Burgdorf nach Biel. Wir müssen uns zwingend auch Richtung Romandie bewegen und die Fachbereiche, die bislang nur marginal vom Bilinguismus geprägt sind, in dieser Hinsicht öffnen. Unser Ziel muss es sein, Studierende von Genf bis Romanshorn durch die Qualität unseres Angebots nach Biel zu holen.

Ein Blick in die Zukunft: Ihre «Vision 2030»?

Rohr: Im Hinblick auf die «Vision 2030» ist zentral, dass Biel die Hürden zum Netzwerkstandort für den schweizerischen Innovationspark genommen hat. Mit aF&E-Gruppen sind wir dort bereits sehr aktiv. Ich denke etwa an das Energy Storage Research Center, in dem die BFH zusammen mit dem CSEM bei der Forschung und Entwicklung von Speicher- und Wandlertechnologien in der nationalen Energieforschung vorne mit dabei ist. Zur «Vision 2030» gehört auch die Start-up-Förderung. Denn angewandte Forschung will umgesetzt sein. Innovationen müssen sich im Markt bewähren und Arbeitsplätze generieren.

Graf: Ich stelle mir vor, dass wir bis 2030 eine der bedeutendsten Ingenieur- und Architekturausbildungsstätten der Schweiz werden. Dank der geografischen Lage und mit fortschrittlichen Ausbildungskonzepten können wir die Mobilität der Studierenden erhöhen und sie nach Biel locken: sei es für einen Bachelor-, Master- oder Weiterbildungsstudiengang oder für die Zusammenarbeit mit unseren Forscherinnen und Forschern.

Ihre persönlichen Erwartungen, Einschätzungen?

Graf: Die Zukunft wird spannend und herausfordernd. Mit dem Campusprojekt ist ein Versprechen verbunden. Ein Versprechen an die Stadt Biel, an den Kanton Bern, dass wir etwas entwickeln, das gut herauskommen wird. Ein Versprechen, das wir auch unseren Mitarbeitenden geben, und eines an die heutigen und künftigen Studierenden, dass der Wert ihrer Ausbildung zunehmen wird.

Rohr: Für mich ist wichtig, dass wir ob all der Reorganisationen die Aussensicht nicht verlieren und die Qualität in Lehre und Forschung weiter steigern. Damit wollen wir unsere Studierenden auf die Zukunft vorbereiten und die Innovationskraft der Region vorantreiben. Das muss unser oberstes Ziel sein – und dazu soll der Campus dienen.