Distance Learning als Chance?

25.02.2021
Februar 2021
  • Focus

Das Coronajahr 2020 hat gezeigt: Distance Learning funktioniert. Nach der ersten Euphorie gibt es aber bei Studierenden wie Dozierenden eine spürbare Müdigkeit. Mit den richtigen Massnahmen bestehen gute Chancen für eine optimale Kombination von Präsenz- und Fernunterricht.

Dr. Jürgen Holm, Professor für Medizininformatik, Leiter Medizininformatik, BFH

Dr. Michael Lehmann, Professor für Medizininformatik, BFH

Im Fachbereich Medizininformatik haben wir uns schon vor der Coronakrise intensiv mit der Frage auseinandergesetzt, ob man einen Tag oder einen Halbtag pro Woche Lehre aus der Distanz anbieten sollte. Dies, um das Lehrangebot abwechslungsreicher zu gestalten, E-Learning konsequenter einzusetzen und mehr Planungsmöglichkeiten für die Studierenden anzubieten. Doch welche Voraussetzungen müssten für ein erfolgreiches Lehren und Lernen erfüllt sein?

Folgende Fragen standen bei unseren Überlegungen im Vordergrund:

  • Kann die Qualität des Unterrichts im Onlinebetrieb mindestens beibehalten werden?
  • Lässt sich die Attraktivität des Unterrichts mit Methoden wie Flipped Classroom und Blended Learning steigern?
  • Kommen nur gewisse Module bzw. Modultypen für einen Onlineunterricht infrage?
  • Sind die Dozierenden bereit, ihren Unterricht entsprechend anzupassen?
  • Genügen die zur Verfügung stehenden technischen Mittel den hohen Ansprüchen an ein Onlineangebot?

An der Berner Fachhochschule BFH und am Departement Technik und Informatik BFH-TI wurden im vergangenen Jahr zwei Sonderevaluationen zum Distance Learning durchgeführt [1], [2]. Diese konnten einen Teil unserer Fragen ansatzweise beantworten. Allerdings ist zu berücksichtigen, dass sich die Evaluationen auf eine Unterrichtssituation bezogen, die aus einem Notstand heraus ad hoc eingeführt werden musste.

Rückmeldungen der Studierenden

Die Studierendenbefragung an der BFH [1] ergab für das Departement Technik und Informatik:

  • Die technischen Mittel wurden von über 90% der Studierenden positiv beurteilt.
  • Zwei Drittel (66%) konnten das Studium gleich oder annähernd gleich gut wie im Präsenzmodus fortführen.
  • Die Möglichkeit, Fragen zu den Lerninhalten zu stellen, wurde von 58% in der Präsenzlehre besser beurteilt.
  • 61% beurteilten das Austauschen von Lerninhalten mit anderen Studierenden in der Präsenzlehre besser.
  • Die Präsenzlehre wurde grundsätzlich eher bevorzugt.
  • Frauen beurteilten das Distance Learning insgesamt kritischer als Männer.

Unterrichtsqualität und Attraktivität

Zu Qualität und Attraktivität des Onlineunterrichts finden sich in der Evaluation einige interessante Hinweise:

  • Theorielastige Lehrsequenzen mit Übungen haben sich im Distance Learning gut bewährt.
  • Stundenplanvorgaben und Pausen sind einzuhalten, damit Konzentration und Selbstdisziplin aufrechterhalten werden können.
  • Breakout-Räume ermöglichen Gruppenarbeiten und damit soziale Interaktion auch im Distance Learning.
  • Elemente wie Podcasts und Podiumsdiskussionen bereichern die Onlinelehre.
  • Gut ausgearbeiteten Scripte und/oder Präsentationen auf Folien unterstützen das Distance Learning.
  • Videoaufzeichnungen werden von den Studierenden begrüsst.

Abwechslung ist für die Studierenden in einem Distance-Learning-Format ein entscheidendes Qualitätsmerkmal und ein Schlüssel für die Motivation. Mit vielfältigen und aktivierenden Lehrformen und -methoden gelingt es, auch den Onlineunterricht zu beleben und attraktiv zu gestalten.

Geeignete Modultypen

Wenn in Zukunft eine Mischform aus Online- und Präsenzlehre angestrebt wird, dann eigenen sich dafür insbesondere Module, die mehrmals pro Woche unterrichtet werden. So kann eine Kurseinheit mit Theorieinput, Podcasts und kleineren Übungen online durchgeführt werden, während weitere Kurseinheiten des Moduls mit Gruppenarbeiten, Podiumsdiskussion und Coaching im Präsenzformat stattfinden.

Kamera ein oder aus?

In der Medizininformatik wurden Studierende dazu ermuntert, ihre Kameras während des Onlineunterrichts einzuschalten, was ca. 80% auch taten. Die «sichtbare» Teilnahme am Onlineunterricht führte dazu, dass mehr Studierende auf Fragen antworteten und an Diskussionen teilnahmen. Zudem konnten die Dozierenden dank visuellem Feedback besser erkennen, ob die Lehrinhalte verstanden wurden. Die meisten Studierenden empfanden die aktivierten Kameras nicht als problematisch und konnten die Vorteile selbst erleben, was in Feedbackrunden und in einer Fragebogenevaluation auch bestätigt wurde.

Rückmeldungen der Dozierenden

Die grundsätzliche Bereitschaft der Dozierenden und Lehrbeauftragten zum Distance Learning wurde während der zwei Coronasemester eindrücklich unter Beweis gestellt. Eine Umfrage unter Dozierenden [2] zeigte unter anderem:

  • 75% der Befragten bevorzugen den Präsenzunterricht.
  • Der fehlende persönliche Kontakt, die oft geringe Interaktion mit den Studierenden sind für einen guten Unterricht nicht förderlich.
  • Bei ausgeschalteten Kameras fehlt das visuelle Feedback und damit das «Gespür» für die Klasse.
  • Videoaufzeichnung von Unterrichtseinheiten werden z. T. skeptisch beurteilt.

Trotz der hohen Affinität zum Präsenzunterricht ist jedoch für einen Teil der Dozierenden eine Kombination von Präsenz- und Fernunterricht durchaus denkbar, wenn auch nicht für alle Module [2].

Technische Voraussetzungen

Die zur Verfügung stehenden IT-Ressourcen wie Internetverbindung und Hardware sowie der Einsatz von MS-Teams, Moodle und E-Mail haben gut funktioniert. Über 90% der Studierenden und Dozierenden konnten innerhalb einer Woche in den Onlineunterricht wechseln. Eine grosse Mehrheit (83%) fand, die verfügbaren Onlinetools seien einfach zu benutzen.

Blick nach vorne

Zukünftig geht es also nicht darum, Distance Learning und Präsenzlehre gegeneinander auszuspielen. Vielmehr liegt die Chance in einer optimalen Kombination der beiden Unterrichtsformen, um einen Mehrwert in Bezug auf Lehr- und Lernqualität, Lernatmosphäre oder Motivation zu schaffen.

Die Entwicklung und der Testbetrieb einer prototypischen Anlage für den Hybridunterricht im Fachbereich Medizininformatik während des Herbstsemesters 2020-21 eröffnet zusätzliche interessante Möglichkeiten. Darüber berichten wir in einer künftigen Ausgabe von «spirit biel/bienne».

Referenzen

[1] Bericht zur Sonderevaluation der Lehre mit Schwerpunkt Distance Learning der Berner Fachhochschule: Herbstsemester 2020, unveröffentlicht.

[2] Distance Learning TI im FS 2020. Auswertung der Umfrage zum Distance Learning unter den Dozierenden und Lehrbeauftragten, unveröffentlicht.

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