Gelebte Co-Leitung im BFH-Zentrum Health Technologies

25. Februar 2021
Februar 2021

Das BFH-Zentrum Health Technologies richtete sich 2020 neu aus und bündelt nun die Kompetenzen im Gesundheitswesen, im Sport, in der Medizintechnik und Medizininformatik. Neu ist auch die Organisationsstruktur: Ein vierköpfiges Leitungsteam unterstützt die interprofessionelle Zusammenarbeit und vereint optimal die interdisziplinären Kompetenzen.

Dr. Kerstin Denecke, Professorin für Medizininformatik, BFH
Dr. Patric Eichelberger, Leiter Bern Movement Lab, BFH
Dr. Rahel Gilgen-Ammann, Leiterin Fachgruppe Monitoring, EHSM
Dr. Thomas Niederhauser, Professor für Regelungstechnik, BFH
Seit Beginn 2020 ist das BFH-Zentrum Health Technologies mit einer neuen Strategie unterwegs. Es vereint vier Kompetenzbereiche: Medizintechnik, Gesundheitswesen, Medizininformatik und Sport. Ziel ist es, zu vernetzen und departementsübergreifende Projekte zu etablieren, die neue Diagnose- und Therapiemöglichkeiten entwickeln. Workshops und Anschubfinanzierungen werden organisiert, um Ideen für Projekte zu generieren und in Projektanträge umzusetzen.
Die vier Kompetenzbereiche ergänzen sich optimal, sodass künftige Projekte entlang der gesamten Prozesskette von der Idee bis zum innovativen Produkt und dessen erfolgreichen Umsetzung realisiert werden können.
Im Kompetenzbereich Medizintechnik werden innovative Diagnose- und Therapiesysteme basierend auf neuesten Technologien der Mikroelektronik, Sensorik, Optik, Signal- und Bildverarbeitung, Regelungstechnik, Robotik und Rehabilitationstechnik entwickelt und evaluiert. Sicherheit und Wirksamkeit der neuen Medizinprodukte für Anwendungen stehen im Fokus.
Der Kompetenzbereich Medizininformatik deckt die Stationen von Machbarkeitsstudien bis hin zur Entwicklung von Gesundheitsanwendungen mittels User Centered Design und Usability Tests ab. Themenschwerpunkte sind mobile Gesundheitsapplikation (mHealth), Anwendungen zur Nutzung des elektronischen Patientendossiers, Datenanalyse mittels Deep Learning oder Clinical Decision Support.
Die angewandte und praxisorientierte Forschung und Entwicklung im Kompetenzbereich Gesundheitsversorgung zielt auf eine zweckmässige Gesundheitsversorgung und wirksame Behandlungen ab. Gesundheitsrelevante Technologien werden im unmittelbaren Umfeld (Gesundheitsfachpersonen, Patient/innen, Angehörige) im Rahmen von klinischen Studien, Usability Studien und gesundheitsökonomischen Evaluationen angewandt und validiert.
Der Kompetenzbereich Sport begleitet und berät bei der Entwicklung und Implementierung von Leistungsdiagnosewerkzeugen für die Messung von physiologischen Daten sowie bei Werkzeugen zur Trainingsunterstützung. Dazu gehören Technologien zur Live-Erfassung, Interpretation und Visualisierung von Leistungsdaten. Weitere Schwerpunkte sind die Evaluation von Technologien für den Sport sowie Wirkungs- und Usabilitystudien von Produkten und Interventionen.
Das BFH-Zentrum Health Technologies vereint Kompetenzen über die ganze Wertschöpfungskette von der Medizintechnik und Medizininformatik über die Gesundheitsversorgung bis hin zum Sport.

Co-Leitung als Leitungsstruktur

Das Zentrum organisiert sich nach dem Prinzip der Co-Leitung. Die Verantwortung wird dabei nicht mehr von einer einzelnen Person getragen, vielmehr wird Führung als ein sozialer und dynamischer Prozess verstanden. So werden die Leitungsaufgaben gemeinsam getragen und durchgeführt. Das Leitungsgremium besteht aus je einem Vertreter der vier Kompetenzbereiche. Der Auftritt nach aussen erfolgt paritätisch durch alle vier Co-Leitenden. Konkrete Anfragen zu einzelnen Tätigkeitsfeldern werden von dem Teammitglied bearbeitet, dessen Kompetenz in diesem Feld liegt.

Was sind die Erfahrungen nach einem Jahr gelebter Co-Leitung?

Rahel Gilgen-Ammann: Die Zusammenarbeit ist harmonisch und geprägt von einem offenen Austausch. Bislang mussten wir aber auch noch keine «schwierigen» Entscheide treffen, die zu Unstimmigkeiten hätten führen können. Das erste Jahr mit dem neu ausgerichteten und organisierten Zentrum war geprägt von viel Papierarbeit, darunter die Ausarbeitung der Strategie und des Kommunikationskonzepts sowie der Definition der Webseiteninhalte. Ich finde, dass das Leitungsteam die Themenvielfalt greifbarer macht. Der Vorteil ist, dass Interdisziplinarität und ein grosses Netzwerk automatisch gegeben sind. Jedoch ist der Prozess auch ressourcenintensiv: Nicht immer ist es leicht, gemeinsame Sitzungstermine zu finden, und der Austausch betrifft nicht immer alle Co-Leitenden.
Patric Eichelberger: Die Co-Leitung stellte sich im Sinne der Förderung der Zusammenarbeit über Departementsgrenzen hinweg als positiv dar. Die Vernetzung in die einzelnen Forschungsgruppen und Institute ist dank der paritätischen Zusammensetzung in der Leitung automatisch gegeben. Arbeitslast, die unabhängig von der fachlichen Expertise ist, konnte gut auf die Ressourcen im Leitungsgremium aufgeteilt werden, und es herrschte stets ein offener und respektvoller Austausch beim Treffen wichtiger Entscheidungen. Die kollaborative Führungsstruktur bedingt jedoch eine vorausschauende Planung, um kurzfristige bzw. dringende Geschäfte effizient abzuwickeln.

Wie grenzt die Co-Leitung ihre Aufgabegebiete ab?

Rahel Gilgen-Ammann: Wir vertreten innerhalb des Leitungsgremiums unsere Expertisen und fachlichen Zuständigkeiten. Administrative Arbeiten werden situativ verteilt.
Kerstin Denecke: Im ersten Jahr war es spannend, zu erleben, dass sich jede/r mit seinen/ihren Fähigkeiten einbringt bei der Gestaltung des Zentrums. Eine explizite Aufgabenverteilung war nicht nötig.
Patric Eichelberger: Vieles ergibt sich im Zusammenhang mit den Funktionen der Mitglieder des Leitungsgremiums innerhalb deren jeweiligen Organisationseinheiten und durch die berufliche Expertise. Wo nötig, spricht man sich ab, um den Workload möglichst gut auf alle zu verteilen.
Thomas Niederhauser: Die Aufgabenverteilung im Leitungsgremium erfolgte grösstenteils dynamisch und konnte auch der anderweitigen Auslastung der einzelnen Mitglieder als Forschende und Dozierende der BFH Rechnung tragen.

Ist bereits ein interdepartementales Projekt unter der Co-Leitung entstanden?

Kerstin Denecke: Durch die Vorstellung des Zentrums und des Leitungsteams in den einzelnen Departementen sind bereits Kontakte entstanden, und Anfragen für departementsübergreifende Projekte wurden an uns herangetragen. Mit dem ersten Ideenworkshop Anfang 2021 werden sicher einige Projektideen entstehen.
Thomas Niederhauser: Zwei Projekte wurden im Rahmen des BFH Call for Proposals 2021 gefördert. Das Projekt «Sprechende Bilder» des Forschungsbereichs Pflege am Departement Gesundheit der Hochschule der Künste Bern und des Instituts für Medizininformatik am Departement Technik und Informatik widmet sich der Entwicklung einer nutzerorientierten, digitalen Kommunikationshilfe zur Überwindung von Sprachbarrieren in der Notfallanamnese. Über das Netzwerk des Zentrums entstand ebenfalls das Projekt «Patient-specific Musculoskeletal Spine Modelling» der aF&E Physiotherapie am Departement Gesundheit und des Institute for Human Centred Engineering am Departement Technik und Informatik, das mittels künstlicher Intelligenz Parameter der Muskelmorphologie aus Bildern der medizinischen Bildgebung (CT, MRI) automatisch bestimmt.
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