Das Projekt «Mobilité Piétonne» in Bern, Foto© Guillaume Perret

Individuelle Mobilität untersuchen und anders denken

21.10.2021
Oktober 2021
  • Focus

Der stattfindende Klimawandel stellt die Menschen vor grosse Herausforderungen – dies ist bekannt. Etwas Recycling, Wasser sparen und Licht löschen – dies vermögen die meisten zu leisten. Tiefgreifende Veränderungen, zum Beispiel der Verzicht aufs Auto, widerstreben jedoch dem trägen Gewohnheitstier Mensch. Neue Ideen sind gefragt.

Insbesondere im Bereich der Mobilität zeigt sich die Widersprüchlichkeit. Das Ziel scheint grundsätzlich klar: weniger CO2-Ausstoss. Der Individualismus und damit verbunden die Freiheit der Wahl führen indes meist zu einer für die einzelne Person bequem gewählten Lösung. Das Auto steht direkt vor der Haustür, beim Einsteigen muss nichts bezahlt werden – die Kosten sind bekanntlich versteckt – und der Mensch kann sich spontan und flexibel bewegen. Die meisten sind sich der negativen Auswirkungen auf die Umwelt durchaus bewusst. Die Schweiz könnte ein weltweites Vorbild sein, als reiches Land mit fast CO2-freiem Strom und gut ausgebautem ÖV-Netz. Die Debatte über den Klimawandel wird emotional und wenig faktenbasiert geführt, da mögliche Regulationen stark in den Alltag eingreifen würden, so auch im Bereich der Mobilität.

Pilotprojekt «Sorglos mobil»

Es gilt zu verstehen, wieso die Menschen sich bewegen, welche Verkehrsmittel zu welchen Zwecken und unter welchen Aspekten sie bevorzugen und wie sich dies wiederum auf den Energieverbrauch, die Emissionen und den Quartierverkehr auswirkt. Diese Herausforderungen untersuchen derzeit BFH-Forschende des Instituts für Siedlungsentwicklung und Infrastruktur ISI im Rahmen des Pilotprojekts «Sorglos mobil». Das Projekt wurde von der PostAuto AG gemeinsam mit weiteren Mobilitätspartner*innen entwickelt und stellt den Bewohner*innen einer Siedlung einen einfachen Zugang zu einer Vielzahl von Mobilitätsformen zur Verfügung, direkt vor der eigenen Haustür zu einem monatlichen Fixpreis. Das Angebot enthält neben dem ÖV-Abo auch Zugriff auf einen Pool von Elektrofahrzeugen verschiedener Kategorien. Über eine App können die Angebote einfach gebucht und genutzt werden. Der bequeme Zugang zur Gesamtlösung für die Alltagsmobilität sowie die deutliche Reduktion von Parkplätzen, die damit einhergeht, soll zu einer Verlagerung vom motorisierten Individualverkehr hin zum öffentlichen Verkehr und zur aktiven Mobilität führen – mit entsprechenden positiven Effekten für die Umwelt.

Das Pilotprojekt, das während neun Monaten in der kürzlich erbauten Siedlung Suurstoffi in Rotkreuz getestet wird, läuft seit Mai 2021. Das Interesse der Bewohner*innen am Pilotversuch war gross. Die tatsächlichen Abo-Abschlüsse entwickeln sich indes zögerlich. Interviews mit interessierten Personen zeigen, dass das Angebot durch die Abo-Bindung zu wenig flexibel ist. Die Leute möchten nur die Leistungen bezahlen, die sie tatsächlich nutzen; was wahrscheinlich damit zu tun hat, dass viele ihren Mobilitätsbedarf nicht genau abschätzen können. Andererseits bestätigt das Interesse am Projekt, dass der Verzicht aufs eigene Auto und die Auswahl an Sharing-Dienstleistungen direkt vor der eigenen Haustür durchaus ein Bedürfnis sind. Dass nur wenig Abos gekauft wurden, weist schliesslich darauf hin, dass trotz guter Absichten der definitive Schritt hin zur praktischen Umsetzung viele, scheinbar triviale Hürden und Fragen aufwirft. Diese Art von Abos haben in der Schweiz indes noch Pilotcharakter. Es kann deshalb auch keine Marktdurchdringung erwartet werden. Die First-User sind Pionier*innen.

Das Beispiel zeigt, gute Absichten reichen nicht. Die Auswirkungen des Klimawandels sind nicht alleine mit Anreizsystemen in den Griff zu bekommen, wie sie der Bundesrat vorschlägt, der nach dem gekippten CO2-Gesetz auf neue Abgaben auf Benzin, Heizöl oder Flugtickets verzichten will[1]. Eine App-Lösung für ein Sharing-System vermag es einigen einfacher zu machen, auf alternative Mobilitätslösungen umzusteigen, das Verhalten vieler Menschen wird es wohl wenig beeinflussen.

Modellvorhaben nachhaltige Raumentwicklung

Das Mobilitätsverhalten ist stark vom Wohnstandort abhängig[2] und hat eine starke Färbung durch die jeweiligen Lebenssituationen und Lebensstile, wie dies das Beispiel Suurstoffi zeigt. Das Mobilitätsverhalten hat auch grossen Einfluss auf den Quartiersverkehr und damit auf die Attraktivität der Lebensräume im nahen Wohnumfeld. Dieses Verhalten zu verstehen, bedeutet also auch zu verstehen, welche Qualitäten, Angebote und Räume Menschen aufsuchen, wenn sie sich fortbewegen. Diese Qualitäten dort zu schaffen, wo der Bedarf energiearm gedeckt werden kann, sollte Ziel und Aufgabe der Raumentwicklung sein.

In einem Projekt, das vom Bund als Modellvorhaben (Nachhaltige Raumentwicklung 2020–2024) ausgewählt wurde, werden eben diese Zusammenhänge untersucht. Mit geplanten Interventionen in Begegnungszonen von Wohnquartieren soll das Quartierleben und die Aneignung des Strassenraums durch die Kinder gestärkt werden. Im Zentrum steht dabei der Perspektivenwechsel – weg von einer Strasse für die Autos hin zu einer Strasse für die Menschen. Auch hier sind nicht alle gleichermassen vom Projekt begeistert. Für einzelne Nachbar*innen ist das Projekt unnötig, sie sehen darin keinen Mehrwert für die Kinder und kaum Potenzial des Strassenraums. Weil die Interventionen als Test ausgeführt werden, haben sie keinen definitiven Charakter und die Nachbar*innen können sie nachträglich bei Bedarf umgestalten. Es ist zu hoffen, dass sich auch Menschen, die dem Projekt skeptisch gegenüberstehen, noch einbringen und von den Veränderungen profitieren werden.

Rolle der Wissenschaft

Trotz allen Fragen und Schwierigkeiten, solche Projekte bringen Licht ins Dunkle. Welche Interventionen oder Angebote haben welche Auswirkung auf Menschen und Umwelt? Wer profitiert, und wer wird benachteiligt? Welche neu geschaffenen Qualitäten haben welche Auswirkungen? Klar scheint, dass die Herausforderungen hin zu einer nachhaltigen Mobilität auch in räumlichen und sozio-technischen Dynamiken verborgen liegen. Diese gilt es, weiter zu erforschen, und die Erkenntnisse müssen schnell und direkt in die Praxis transferiert werden. Interventionsorientierte, wissenschaftliche Begleitungen, wie sie in den vorgestellten Beispielen zur Anwendung kommen, eignen sich hierzu und sollten vermehrt innovative Projekte begleiten.

[1] Website von SRF, Rubrik News: www.srf.ch/news/schweiz/klimaschutz-sommaruga-keine-neuen-abgaben-auf-benzin-oel-und-flugtickets, eingesehen am 25.8.2021. «Beim Benzin und beim Autofahren sei die Sensibilität sehr gross – gerade bei der Landbevölkerung, die stärker aufs Auto angewiesen sei.»

[2] SIA Merkblatt 2039: Mobilität – Energiebedarf in Abhängigkeit vom Gebäudestandort.

Angela von Däniken
Wissenschaftliche Assistentin am Institut für Siedlungsentwicklung und Infrastruktur ISI, BFH
William Fuhrer
Leiter Kompetenzbereich Dencity, Professor für Urbane Entwicklung und Mobilität, BFH