Möbel aus Kokosnussschalen

31.05.2021
Juni 2021
  • Focus

Das BFH-Spin-off NaturLoop stellt aus den Ernteresten der Kokosnussproduktion nachhaltige Möbel her. Bald soll der erste Produktionsstandort auf den Philippinen eröffnet werden.

Die Fläche Englands. Oder anders gesagt: gut dreimal die Fläche der Schweiz. So viel Tropenwald ging gemäss dem Projekt Global Forest Watch allein im Jahr 2019 verloren. Seit den 1960er-Jahren wurden mehr als die Hälfte der weltweiten Tropenwälder zerstört – gerodet und abgebrannt, zumeist zur Gewinnung von Weide- und Anbauflächen. Das sind schlechte Nachrichten im Kampf gegen Klimawandel und Artensterben: Regenwälder sind nicht nur aufgrund ihres besonderen Artenreichtums schützenswert, sondern speichern auch grosse Mengen an CO2 – weltweit etwa ein Drittel der von Menschen verursachten Treibhausgase.

Verschwendung natürlicher Ressourcen

Für manche Länder ergeben sich daraus weitere Probleme: Um die verbleibenden natürlichen Ressourcen zu schützen, werden unter anderem Abholzungsverbote erlassen. Die begrenzte Verfügbarkeit von Holz erhöht nicht nur die Preise, sondern macht diese Länder auch stark vom Import von Holzwerkstoffen abhängig. Auf den Philippinen ist das besonders problematisch: Das südostasiatische Land mit knapp 110 Millionen Einwohner*innen umfasst mehr als 7000 Inseln. Demgegenüber produzieren Indonesien, die Philippinen und Indien über 75 Prozent des weltweiten Bedarfs an Kokosnüssen. Insgesamt fallen dabei jährlich 21 Millionen Tonnen Kokosnussschalen an, alleine 5 Millionen auf den Philippinen. Der grösste Teil davon wird verbrannt oder deponiert, was eine erhebliche Verschwendung natürlicher Ressourcen ist.

Erschwingliche Möbel und Baumaterialien sind auf den Philippinen schwer erhältlich. Fasern der Kokosnussschale hingegen sind als Restprodukt der Kokosnussindustrie in grossen Mengen vorhanden. Das bewegte die gemeinnützige Stiftung der liechtensteinischen Werkzeugherstellerin Hilti AG 2014 dazu, sich ans Institut für Werkstoffe und Holztechnologie IWH der Berner Fachhochschule BFH zu wenden. Die Anfrage: Ob sich mithilfe von Kokosnussfasern denn nicht günstiges und nachhaltiges Baumaterial herstellen liesse?

Michail Kyriazopoulos war einer derjenigen, die sich im Rahmen eines entsprechenden Forschungsprojekts an die Arbeit machten. «Das Ziel war die Entwicklung einer nachhaltigen, zu 100 Prozent natürlichen, günstigen und lokalen Alternative zu den herkömmlichen Baumaterialien», sagt der ehemalige BFH-Masterstudent in Wood Technology. Heute ist Michail Kyriazopoulos Co-Gründer und CTO des BFH-Spin-offs NaturLoop. Ende 2022 will das Unternehmen das Cocoboard® erstmals in Serie produzieren und auf den Philippinen auf den Markt bringen.

Klebstoff aus Holz

Die Entwicklung eines nachhaltigen und natürlichen Baustoffs ist also gelungen: Die Fasern der Kokosnussschalen werden pulverisiert, anschliessend erhitzt und gepresst. Beigegeben wird zudem ein ebenfalls an der BFH entwickelter, natürlicher Klebstoff. Er bindet und festigt das Material und reduziert gleichzeitig den Energieverbrauch für Pressung und Erhitzung. Dieser Klebstoff basiert auf Tanninen, die durch einfache Heisswasserextraktion aus Holz gewonnen werden (u.a. von Mimosengewächsen). Anders als herkömmliche Klebstoffe enthält er also kein gesundheitsschädigendes Formaldehyd. Derzeit werden alle auf den Philippinen verwendeten Tannine aus Südafrika importiert. Ein weiteres Forschungsprojekt des BFH-Instituts für Werkstoffe und Holztechnologie IWH geht deshalb der Frage nach, wie Tannine direkt auf den Philippinen aus Rinden, Zweigen, Wurzeln, Schalen und Fruchtschalen gewonnen werden können. Das würde zum einen die Ökobilanz des Cocoboard® weiter verbessern, zum andern könnte so ein Beitrag zur Verbesserung der Lebensgrundlage der Bäuerinnen und Bauern geleistet werden.

Das Cocoboard® hat mechanische und physikalische Eigenschaften, die mit jenen von mitteldichten Faserplatten (MDF)  vergleichbar sind. Auf den Philippinen sollen die Kokosplatten vor allem beim Bau von Möbeln (Regale, Schränke, Schreibtische) zum Einsatz kommen. Tragende Elemente werden daraus nicht hergestellt, allerdings können die Platten auch für Wand- und Deckenverkleidungen verwendet werden. Das Jungunternehmen bietet vorerst das rohe Cocoboard® oder eine laminierte Version davon an. Dereinst könnten auch Schall- und Wärmedämmungselemente im Sortiment sein.

Das BFH-Spin-off kann in seiner noch jungen Geschichte bereits auf zahlreiche Erfolge zurückblicken. Das ehemalige Forschungsprojekt wurde vom Förderprogramm Bridge Proof of Concept unterstützt und erhielt zudem ein Start-up-Coaching von Innosuisse. Weiter gewann NaturLoop im Herbst 2020 eine Förderung von Switzerland Innovation Tech4Impact und erhielt im Frühling 2021 finanzielle und unternehmerische Unterstützung von Venture Kick.

«Sehr kulante BFH»

Bei der Weiterentwicklung des Cocoboard® hin zur Produktionsreife sei auch die BFH eine grosse Hilfe gewesen, sagt Daniel Dinizo, CEO und Co-Gründer von NaturLoop, der derzeit den Master Wood Technology an der BFH absolviert. «Insbesondere die hochwertige Infrastruktur der BFH-Labors ist für uns von grossem Nutzen. Sowie der Zugang zum Netzwerk der Experten aus der Industrie und zu potenziellen Kunden.» Darüber, dass die aus dem Forschungsprojekt gewonnenen Erkenntnisse nun von ehemaligen Studierenden und wissenschaftlichen Mitarbeitenden in einem BFH-Spin-off weiterentwickelt werden, freut sich wiederum IWH-Leiter Frédéric Pichelin. «Wir fördern und unterstützen sie aktiv bei Ausgründungen und bei der Verwirklichung ihrer Visionen und Ziele», sagt Pichelin.

Derzeit führt das Jungunternehmen eine Reihe industrieller Versuche durch, um die Produktionstechnologie zu finalisieren. 2022 sollen die Rohmaterialbeschaffung sichergestellt und die entsprechenden Logistikprozesse vor Ort definiert werden. NaturLoop plant, Ende 2022 den ersten Produktionsstandort auf den Philippinen in Betrieb zu nehmen. «Wir gehen von einem jährlichen Produktionsvolumen von 30 000 Kubikmetern aus, wenn die Fabrik die vollständige Kapazität erreicht hat.», sagt Dinizo. Auf längere Sicht sind weitere Produktionsstandorte geplant. Die Transportwege ab Fabrik sollen maximal 60 Kilometer betragen. NaturLoop hat sich voll und ganz einer nachhaltigen Wirtschaft verschrieben.

STAGE UP Award Night: NaturLoop unter den besten Fünf

  • NaturLoop und vier weitere Start-ups haben sich gegen 50 Konkurrenten durchgesetzt und wurden für die Stage UP Award Night am 4. Mai 2021 nominiert. Der Start-up-Wettbewerb STAGE UP ist eine Initiative des Entrepreneurship Centers der Universität Bern in Partnerschaft mit der BFH. Das Finale fand im Bierhübeli in Bern statt und wurde live übertragen wurde. An der Award Night pitchten die fünf nominierten Start-ups vor der Jury ihre Idee und das Publikum stimmte mittels Public Voting für seine Favoriten ab.
Daniel Dinizo
CEO und Co-Gründer BFH-Spin-off NaturLoop
Michail Kyriazopoulos
CTO und Co-Gründer BFH-Spin-off NaturLoop