«Nachhaltigkeit ist für die BFH schon seit langer Zeit zentral»

Stephan Wüthrich vom Departement Architektur, Holz und Bau und Marcel Baak vom Departement Technik und Informatik sind sich einig, dass die BFH einen bedeutenden Beitrag an eine nachhaltige Gesellschaft leisten kann. Wichtig dafür sind die Sensibilisierung der Student*innen und die Forschungszusammenarbeit mit Unternehmen.

Herr Wüthrich, Herr Baak, wie nachhaltig ist Ihr Alltag?

Marcel Baak: Durch meine Arbeit bin ich für Themen der Nachhaltigkeit besonders sensibilisiert. Also versuche ich, weniger Auto zu fahren und weniger zu fliegen, möglichst wenig Abfall zu produzieren. In unserem Haus haben wir eine funktionierende Ölheizung durch eine Wärmepumpe ersetzt. Energieerzeugung mittels Photovoltaik wird das Nächste sein.

Stephan Wüthrich: Als unsere Kinder «ausgeflogen» und wir nur noch zu zweit zu Hause waren, haben wir unser Minergiehaus verkauft und sind in eine 3,5-Zimmer-Wohnung umgezogen. Ich besitze ein GA und versuche, mich bei der Mobilität einzuschränken. Bei der Ernährung und bei der Kleidung könnte ich mehr machen. Da ich an der BFH nachhaltiges Bauen unterrichte, versuche ich eine gewisse Vorbildfunktion wahrzunehmen.

Die BFH hat Nachhaltigkeit zu einem von drei Schwerpunktthemen erklärt. Was bedeutet das konkret?

Baak: Dass sich die BFH noch intensiver mit dem Thema auseinandersetzen will. Es gibt zum Beispiel seit 2022 einen neuen Masterstudiengang Circular Innovation and Sustainability (CIS). Das Thema spielt aber selbstverständlich auch in vielen andern Modulen eine wichtige Rolle. Nachhaltigkeit ist für die BFH schon seit langer Zeit zentral: So erforschen wir bereits seit 35 Jahren Photovoltaik- oder Energiespeichersysteme. In unserem Prosumer-Lab in Biel werden solche Systeme unter realen Bedingungen getestet. Mit dem Solarmobil «Spirit of Biel» waren wir schon in den 80er-Jahren Pioniere.

Wüthrich: Die BFH versucht einen Beitrag an den laufenden Transformationsprozess zu leisten, damit sich in unserer Gesellschaft möglichst viele nachhaltige Lebensformen durchsetzen. Das betrifft die Forschung und die Lehre gleichermassen. Studierende, Dozierende und Wirtschaftspartner sind gemeinsam gefordert.

Bleiben wir erst bei der Forschung: Gibt es weitere konkrete Beispiele?

Wüthrich: In Steffisburg und Langenthal erforschen wir das nach innen verdichtete Bauen. Wir entwickeln kreislauffähige Baustoffe und biobasierte Klebstoffe, um von den fossilen Ausgangsstoffen wegzukommen. Wir untersuchen, welche Auswirkungen Murgänge auf Siedlungsgebiete haben, denn solche werden im Zuge des Klimawandels immer häufiger eintreten. Wir erforschen, wie sich Holztragwerke bei Wildtierüberführungen über die Jahre verhalten. Wir leisten auch einen aktiven Beitrag an die Digitalisierung der Holz- und Bauwirtschaft.

Baak: Die 17 UNO-Nachhaltigkeitsziele bilden für uns einen Orientierungsrahmen. Und die Interdisziplinarität ist entscheidend: Im Institut für Medizininformatik treffen zwei Disziplinen aufeinander. Gemeinsam erforscht man dort unter anderem das Spital der Zukunft.

Wüthrich: Interdisziplinarität ist Voraussetzung für nachhaltige Lösungen. So ist auch das Thema Energie eigentlich ein Schwerpunkt der BFH: In Sachen Nachhaltigkeit können hier viele Departemente einen wichtigen Beitrag leisten.

Welche Rolle spielt die Nachhaltigkeit in der Bildung und Lehre?

Baak: Indem wir uns in der Forschung mit Nachhaltigkeitsthemen befassen, sind sie für Student*innen automatisch präsent. Seit ein paar Jahren gibt es den Studiengang Wirtschaftsingenieurwesen. Dort beschäftigt man sich mit Kreislaufprozessen, die sich sozial, ökologisch und ökonomisch bewähren. Das ist ein wichtiger Aspekt: Damit sich Nachhaltigkeit durchsetzt, sind alle drei Dimensionen wichtig.

Wüthrich: Seit letztem Jahr gibt es in unserem Departement für alle neuen Bachelorstudent*innen eine gemeinsame Einführungswoche zum Thema Nachhaltigkeit. In Gruppen untersuchen sie an unterschiedlichen Orten gute und weniger gelungene Projekte. Zudem werden ab Herbst 2023 in den BSc-Studiengängen interdisziplinäre Minorangebote in den Bereichen zirkuläres und nachhaltiges Bauen sowie integrales digitales Bauen als neue Schwerpunkte angeboten.

Baak: Die interdisziplinäre Zusammenarbeit wird einen weiteren Schub erhalten, wenn wir voraussichtlich 2027 den neuen, gemeinsamen Campus in Biel beziehen. Dieser wird sich auch positiv auf die betriebliche Nachhaltigkeit der BFH auswirken, allein schon, weil viele Wege wegfallen werden.

Wüthrich: Der neue Campus soll unter anderem das nachhaltige Bauen verkörpern. Das Gebäude wird nach dem Standard Nachhaltiges Bauen Schweiz (SNBS) geplant und wirtschaftliche, gesellschaftliche und ökologische Kriterien gleichermassen berücksichtigen. Seit 2021 unterstützen wir Bauherren und Projektierende im Auftrag des Netzwerk Nachhaltiges Bauen Schweiz (NNBS) auch in der Umsetzung des neuen nationalen Standards für nachhaltige Infrastrukturbauten (SNBS Infrastruktur).

Welche Rolle kann die BFH bei der Entwicklung hin zu einer nachhaltigen Gesellschaft spielen?

Wüthrich: Eine wichtige. Heute ist das Thema Nachhaltigkeit in der Mitte der Gesellschaft angekommen. Wir als Hochschule haben die Aufgabe, die Studierenden mit wissenschaftlichen Erkenntnissen für die Thematik zu sensibilisieren und sie zu befähigen, in ihren zukünftigen Betrieben eine wichtige Rolle als Wissensträger und Change-Agents zu übernehmen.

Baak: In der Forschung erarbeiten wir zusammen mit Industriebetrieben nachhaltige Lösungen und können so sicher auch ein wenig Einfluss nehmen auf ihr Verhalten. Im Moment arbeiten wir etwa an neuen Materialien für Beschichtungen, bei denen man von den langlebigen Fluorpolymeren wegkommen will. Oder: Bei der Herstellung von Lithium-Batterien denkt man heute schon an deren Recycling.

Wüthrich: Wir sind auch an den Berner Nachhaltigkeitstagen präsent, die im kommenden Herbst wieder stattfinden werden. Dort soll unser Wirken sichtbar gemacht und eine breitere Öffentlichkeit sensibilisiert werden. Mit all diesen Anstrengungen versuchen wir, einen kleinen Beitrag zu leisten, damit die Schweiz ihre Nachhaltigkeitsziele erreicht.

Dr. Marcel Baak
Mitglied der Departementsleitung Technik und Informatik BFH-TI und Leiter des Chemielabors Biel
Stephan Wüthrich
Mitglied der Departementsleitung Architektur, Holz und Bau BFH-AHB, Leiter Fachbereich Bauingenieurwesen und Leiter Koordinationsgruppe Nachhaltigkeit und Chancengleichheit BFH-AHB