Peer Coaching – Dozierende in Indonesien verbessern ihren Unterricht gemeinsam

25. Februar 2021
Februar 2021

Das Center for Development and Cooperation CDC der BFH hat in Indonesien bereits zum zweiten Mal Online-Didaktik-Weiterbildungen für Dozierende an Fachhochschulen durchgeführt. Die Lernerfolge dieses Peer Coaching seien grösser und nachhaltiger als bei klassischen Weiterbildungsangeboten, sagt Co-Projektleiter Oliver Jancke. Die Methode soll nun auch an der BFH im Fachbereich Holz versuchsweise angewendet werden.

Oliver Jancke, Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Center for Development and Cooperation CDC, BFH
Indonesien ist mit über 260 Millionen Einwohner*innen der viertbevölkerungsreichste Staat der Welt. Das Land in Südostasien verzeichnet seit der asiatischen Finanzkrise Ende der 90er-Jahre ein beeindruckendes Wirtschaftswachstum. Allerdings können längst nicht alle davon profitieren: 40 Prozent der Gesamtbevölkerung leben nach wie vor nur knapp über der Armutsgrenze. Zwei der Hauptprobleme: Es gibt zu wenig Arbeitsplätze für junge Leute und deren Qualifikationen sind zudem oft ungenügend.

Berufsbildung für Indonesien

Das auf acht Jahre angelegte Programm Skills for Competitiveness (S4C) will diesbezüglich einen Beitrag zur Verbesserung leisten. Es wird vom Staatssekretariat für Wirtschaft (SECO) finanziert und vom Center for Development and Cooperation CDC der BFH gemeinsam mit Swisscontact und SITECO durchgeführt. Zum einen werden dabei an fünf ausgewählten Fachhochschulen in Indonesien qualifizierte Fachleute in den Branchen Holz, Lebensmittel, Metall und Polymerchemie ausgebildet. Zum anderen soll im ganzen Land in Zusammenarbeit mit der indonesischen Regierung ein duales Berufsbildungssystem installiert werden.
Anfang 2020 traf die Coronapandemie auch Indonesien und damit dessen Ausbildungssystem. Die am S4C-Projekt beteiligten Fachhochschulen mussten in der Folge auf Distanzunterricht umstellen. Allerdings war die vorhandene digitale Infrastruktur nicht darauf ausgelegt und längst nicht alle Studierenden verfügen über einen stabilen Internetzugang. Deshalb wurde im Rahmen des S4C-Projekt in den vergangenen Monaten ein Weiterbildungsprogramm in Form eines Peer Coaching mit insgesamt 32 Dozierenden an vier Hochschulen durchgeführt. Ziel war es, deren Fernunterricht in kurzer Zeit deutlich zu verbessern.
So funktionierte das Peer-Coaching-Projekt mit Indonesien auf einen Blick.

Nicht von oben herab

«Wichtig beim Peer Coaching ist, dass die Inhalte direkt aus dem Alltag der Dozierenden stammen und nicht vorgegeben werden», sagt Oliver Jancke vom CDC der BFH, der die Weiterbildung zusammen mit seinem BFH-Kollegen Almin Prosic leitete. «Und auch die Weiterbildung selbst muss im Unterrichtsalltag der Dozierenden integriert sein, damit man neue Ansätze direkt anwenden, auswerten und verbessern kann.»
Das Peer Coaching basiert auf den Eckpunkten Planen, Unterrichten, Austauschen, Reflektieren und Verbessern. Am Anfang erhielten die Teilnehmenden in einem dreistündigen Workshop fachliche Inputs für den Unterricht. Innerhalb von Gruppen mit je vier Dozierenden wurden danach Inhalte und Aufgaben festgelegt und deren konkrete Umsetzung im Unterricht mit den Kolleg*innen und Kursleiter*innen besprochen. Anschliessend beobachteten sich die Dozierenden gegenseitig im Distanzunterricht. In den sogenannten Peer Coaching Sessions wurden anschliessend die Resultate und gegenseitigen Beobachtungen diskutiert. Zusammen mit den BFH-Mitarbeitenden entwickelten die indonesischen Dozierenden Verbesserungsvorschläge, die in neue Aufgabenstellungen für den Unterricht mündeten. In einem weiteren Zyklus, an dessen Anfang wieder ein Workshop mit Fachinputs stand, wurden diese  Inputs dann umgesetzt, besprochen und ausgewertet.

Gut für Dozierende und Studierende

Die Resultate waren erfreulich. «Die indonesischen Dozierenden haben vor allem von den begleiteten Umsetzungsphasen profitiert, denn hier konnten sie sich selbst die neuen Methoden Schritt für Schritt in der Praxis aneignen und sie verbessern», sagt Oliver Jancke. Dewi Purnama Sari, Dozentin für Mineralchemie und Leiterin des E-Didaktik-Teams am Morowali Metallindustrie-Polytechnikum, bestätigt das: «Dank dem Online-Lerntraining konnten wir wertvolle Erfahrungen sammeln und uns neues Wissen über effektive Planung, Umsetzung und Evaluierungsmethoden im Unterricht. Damit erzielten wir gute Ergebnisse für Studierende und Dozierende.»
Peer Coaching ist eine effektive und verhältnismässig kostengünstige Weiterbildungsmethode. Neu ist sie nicht: Sie wird bereits seit den 80er-Jahren erfolgreich in Bildungsinstitutionen und – wenn auch in abgewandelter Form – in der Wirtschaftswelt in Erfahrungsaustauschgruppen (ERFA) angewandt. Entscheidend für den Erfolg des Peer Coaching sei der dynamische Prozess gegenseitiger Begleitung der Dozierenden und ständiger Weiterentwicklung der Methoden aufgrund gemachter Erfahrungen auf Basis gegenseitigen Vertrauens, hält Co-Projektleiter Jancke fest. «Dieser Punkt unterscheidet das Peer Coaching von klassischen Weiterbildungskursen, die man ein paarmal besucht und nach denen man dann mit dem erworbenen Wissen im eigenen Unterricht alleine gelassen wird.»

Pilotprojekt an der BFH

Deshalb wird das Peer Coaching nun auch in einem Pilotprojekt mit interessierten Dozierenden im Fachbereich Holz der BFH eingesetzt. Oliver Jancke betont, dass das gegenseitige Beobachten des Unterrichts nichts mit Kontrolle zu tun habe. «Es ist vielmehr eine Inspirationsquelle und hilft, den eigenen Unterricht zu analysieren, weiterzuentwickeln und letztlich zu verbessern und wirksamer zu machen.»
Das Online-Didaktik-Training, wie es in Indonesien zur Anwendung kam, ist für die BFH auch eine einfache Möglichkeit, weltweit an der Verbesserung der Hochschullehre mitzuwirken. Im Rahmen der vielen Bildungsprojekte, an denen das CDC der BFH beteiligt ist, ergeben sich oft ganz neue Erkenntnisse und Perspektiven. «Aufgaben, wie sie sich an den indonesischen Fachhochschulen während der Coronakrise gestellt haben, sind für uns immer auch eine Horizonterweiterung», sagt Oliver Jancke. «Und sie liefern uns Anregungen für Projekte an der BFH selbst. Insofern haben sie auch direkte positive Auswirkungen auf die Organisationsentwicklung der BFH.»
Co-Autoren: Prof. Dr. Cornelius Oesterlee, Studiengangsleiter Bachelor Holztechnik, BFH und Prof. Markus Schaer, Leiter Center for Development and Cooperation CDC, BFH