«Viel Potenzial steckt in den Schnittstellen»

21.10.2021
Oktober 2021
  • Im Gespräch

Seit August 2021 leitet Jolanda Jenzer Althaus das Institut für Siedlungsentwicklung und Infrastruktur ISI der Berner Fachhochschule BFH. Sie will mehr interdisziplinäre Projekte ermöglichen und hat Ideen für die Hochwasserprävention.

Was ist Ihre Vision für das ISI?

Unser Institut besteht aus drei Kompetenzbereichen: Geotechnik und Naturereignisse, Verkehrsinfrastruktur sowie Siedlungsentwicklung (Dencity). Die Spannweite der Themen ist sehr gross: In einem Bereich wollen wir etwa herausfinden, was bei der Revitalisierung von Flüssen wichtig ist. Im zweiten befassen wir uns unter anderem damit, wie man mit verbesserten Materialien im Strassenbau Ressourcen und Energie einsparen kann. Und im dritten loten wir beispielsweise aus, wie man Siedlungen bauen muss, um Hitzeinseln zu verhindern. Viel Potenzial liegt in den Schnittstellen. Ich möchte, dass das Institut noch interdisziplinärer zu denken beginnt: So entstehen neue spannende Projekte, und die grossen Themen der Gesellschaft wie der Klimawandel oder die Biodiversität können aufgegriffen werden. Dafür will ich eng mit den Kompetenzbereichsleitern zusammenarbeiten. Das Institut hat rund 30 Angestellte: Erst wenn alle die Projekte der anderen im Hinterkopf haben, entstehen neue Ideen.

Ihr aktuelles Forschungsprojekt beschäftigt sich mit Murgängen: Was ist das Ziel?

Wir erarbeiten ein Konzept für die Prävention in einem Graben im Oberemmental. Dort sind schon mehrere Murgänge niedergegangen, die zum Glück keine Schäden angerichtet haben. Das Problem ist, dass diese bis in die Emme rutschen können und ihr Material dort ablagern. Wenn der Fluss gleichzeitig viel Wasser führt, ufert er aus und überschwemmt die Umgebung. Wir wollen nun herausfinden, welche Präventionsmethode hier angebracht ist. Dafür haben wir in Burgdorf eine realitätsgetreue Testanlage im Massstab 1:30 gebaut – sie ist 10 Meter lang und 4,5 Meter breit. Es gibt drei Fälle, in denen ein Murgang schwächer wird: wenn er Wasser verliert, wenn er in die Breite geht oder wenn das Gelände flacher wird. Eine gängige Methode ist es, Murgangssperren zu bauen. Das will der Auftraggeber hier aus landschaftlichen, touristischen und unterhaltstechnischen Gründen nicht. Nun untersuchen wir gerade, was geschieht, wenn wir den Bach in die Breite lenken.

Der Sommer 2021 war von starken Überschwemmungen geprägt: Wie kann man die Prävention noch verbessern?

Die Schweiz ist grundsätzlich auf dem richtigen Weg. Man ist weggekommen von der Denkweise des letzten Jahrhunderts, links und rechts grosse Dämme zu bauen. Das Ziel ist nicht mehr ein Nullrisiko. Viele Massnahmen haben schon gute Wirkung gezeigt. Ansetzen müsste man aber unbedingt noch beim Rückhalt: Früher wuchsen Wälder entlang der Gewässer – diese boten einen hohen Schutz. Aufforstungen würden gleichzeitig für mehr Beschattung und Verdunstungskälte sorgen und könnten extreme Hitzephasen etwas abmildern. Heute ist bei uns zu viel Boden durch Überbauungen und Asphalt versiegelt. Hier könnte man beispielsweise porösere Baustoffe verwenden, sodass der Boden das Wasser besser aufnehmen kann.

Dr.  Jolanda Jenzer Althaus
Leiterin Institut für Siedlungsentwicklung und Infrastruktur ISI, BFH