Was ist «new» an der New Work?

25. Februar 2021
Februar 2021

Kaum etwas beschäftigt uns so sehr wie unsere Arbeit. Jeden Tag reden wir darüber, und doch wissen wir kaum, wohin sich diese in Zukunft entwickeln wird. New Work ist in aller Munde, doch bedarf es noch eingehender Forschung, um zu wissen, was uns morgen erwartet.

Prof. Dr. Sebastian Wörwag, Rektor der Berner Fachhochschule BFH
Unser Verständnis von Arbeit ist von jeher einem ständigen Wandel unterworfen. Während sich die Menschen in vormodernen Gesellschaften noch von der Last und Mühsal der Arbeit zu befreien suchten, geht die heutige Bedeutung von Arbeit mehrheitlich auf die Zeit der Industrialisierung zurück. Deren wesentliche Merkmale sind die ökonomische Rationalisierung der Arbeitskraft sowie eine umfassende Kolonialisierung des Lebens durch die Arbeit. Seit rund 50 Jahren werden nun wieder neue und grundlegende Werte und Entwicklungen der Arbeit unter dem Sammelbegriff «New Work» zusammengefasst. Nicht mehr ganz «new», aber nicht weniger aktuell, ist darunter eine Tendenz zu subjektorientierter, selbstbestimmter und sinnstiftender Arbeit zu verstehen. Diese Entwicklung ist das Zeichen eines gesellschaftlichen Wertewandels, findet aber auch vor dem Hintergrund tiefgreifender Veränderungsprozesse moderner Arbeitsmärkte statt. Alles scheint in Bewegung zu sein, kaum etwas ist verlässlich vorhersehbar. Die Frage wird immer vernehmbarer: Wer wird in Zukunft wie, wo, wann und was arbeiten?

New Work in den globalen Arbeitsmarktstrategien

Dieser Wandel lässt sich auch eindrücklich an den neueren Arbeitsmarktstrategien der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD 2016) ablesen. Betrachtet man deren Zukunftsagenda, so sieht man, was gesamtgesellschaftlich neu an der New Work ist: In Zukunft stehen Fragen zu den Folgen der Digitalisierung, des technologischen Wandels und der Internationalisierung der Arbeit im Vordergrund. Immer wichtiger werden auch Konzepte, die der Entwicklung und dem Erhalt von Kompetenzen im Rahmen eines lebenslangen Lernens, insbesondere eines «Training on the Job», dienen. Gefordert werden auch Pläne für das Re-Skilling und Up-Skilling von Personen, die ausserhalb des Arbeitsmarktes stehen oder in Branchen und Sektoren arbeiten, die einem starken strukturellen Wandel unterworfen sein werden. Ferner benötigen wir Konzepte und gute Praxen zur Gestaltung und zum Erhalt gesunder und sicherer Arbeitsplätze. Hierbei interessieren insbesondere auch die Zusammenhänge zwischen Arbeit, Gesundheit und Produktivität. Vor dem Hintergrund disruptiver Entwicklungen auf den Arbeitsmärkten wird auch der Ruf nach anpassungsfähigen und resilienten Arbeitsverhältnissen lauter, insbesondere im Bewusstsein, dass Flexibilität immer wichtiger für die Zukunft der Arbeit sein wird. Und schliesslich fordert die OECD neue Inklusionskonzepte für den Arbeitsmarkt, mithilfe derer Diversitätspotenziale besser genutzt werden können. Anhand dieser Zukunftsanforderungen lassen sich auf übergeordneter Ebene die uns bevorstehenden Entwicklungen der New Work umschreiben.

Unsere individuelle Erwartung an die New Work

Doch findet auch auf Ebene der Mitarbeitenden ein Bewusstseinswandel in Richtung New Work statt. In einer eigenen Studie (Wörwag and Cloots 2019) bei knapp 1000 Mitarbeitenden wurde erhoben, welche Entwicklungen die Arbeit in Zukunft prägen werden. Ein erster Überblick überrascht wenig: Vier von fünf Mitarbeitenden rechnen damit, dass die Digitalisierung ihre Arbeit in grossem Masse verändern wird. Interessant ist indes, dass die digitale Transformation dabei weniger Verlustängste auslöst als vielmehr ein Bewusstsein einer neuen digitalen Automatisierung fördert: Gerade einmal 13 Prozent der Beschäftigten gehen davon aus, dass ihre aktuelle Tätigkeit in den nächsten fünf Jahren infolge moderner Technologien wegfallen wird, doch rechnet mehr als die Hälfte der Mitarbeitenden mit einer starken, digitalen Automatisierungswelle. Rund zwei Drittel der Mitarbeitenden verbinden damit einen zunehmenden Leistungsdruck. Statt also in erster Linie mit einer Vereinfachung und Entlastung aufgrund der Digitalisierung zu rechnen, erwarten viele Mitarbeitende mehr Druck, mehr projektorientierte und auch mehr fragmentierte Aufgaben und eine allgemeine Beschleunigung. Wer meint, dass diese Erwartungen vor allem von älteren Mitarbeitenden geäussert wurden, folgt einem zwar gängigen, aber gleichzeitig falschen Altersbild. Es sind in erster Linie die jungen Berufsleute unter 30 Jahren, die besonders ausgeprägt eine zunehmende Automatisierung und einen grösseren Wettbewerbs- und Leistungsdruck erwarten. Auch scheinen sich die Digital Natives, aller digitaler Selbstverständlichkeit zum Trotz, eine Arbeitszukunft mit weniger IT-Dominanz und dafür wieder mit mehr Mitmenschlichkeit zu wünschen. Stehen wir vor einem digitalen Backlash?

Der Beitrag der Berner Fachhochschule

Die Beispiele zeigen, dass New Work voller Überraschungen steckt und unsere Zuschreibungen und Vermutungen oft in die falsche Richtung weisen können. Um die Veränderungen in der Arbeitswelt fundiert erfassen und für die nächste Generation sorgfältig Konzepte einer humanen New Work entwickeln zu können, bedarf es guter, anwendungsnaher Forschung. Dafür engagiert sich die Berner Fachhochschule. Das Institut New Work forscht beispielsweise mit anderen BFH-Instituten und gemeinsam mit der Praxis unter anderem zu neuen Arbeits- und Organisationsformen im Kontext der digitalen Transformation sowie zum Thema «Diversity and Inclusion». New Work, aber auch die Forschung dazu, erfordern immer mehr interdisziplinäre Zusammenarbeit. Deshalb setzt die Berner Fachhochschule auf interdisziplinäre Forschungsteams, die zum Beispiel der Frage nachgehen, wie Technik den Menschen bei seiner Arbeit unterstützen kann. Beispielhaft ist das Projekt «Kobotik, digitale Kompetenzen und die Re-Humanisierung des Arbeitsplatzes», das die Auswirkung kollaborativer Industrieroboter (sogenannter Cobots) auf die Arbeitserfahrung von Menschen erforscht (Degallier Rochat 2020). Hier arbeiten das Institute for Human Centered Engineering (HuCE) und das Institut New Work (INW) der BFH zusammen.
Die Beispiele zeigen: New Work ist heute in aller Munde. Die BFH redet nicht nur darüber, sie engagiert sich zudem für eine subjektorientierte, selbstbestimmte und sinnstiftende Arbeit für die nächsten Generationen.
Publication bibliography
  • Degallier Rochat, Sarah (2020): A future that works. Kobotik, digitale Kompetenzen und die Re-Humanisierung des Arbeitsplatzes. Edited by Berner Fachhochschule. Available online at https://www.bfh.ch/de/forschung/referenzprojekte/a-future-that-works/, checked on 12/29/2020.
  • OECD (2016): Ministerial statement building more resilient and inclusive labour markets. Paris. Available online at http://www.oecd.org/employment/ministerial/labour-ministerial-statement-2016.pdf, updated on 1/15/2016, checked on 12/29/2020.
  • Wörwag, Sebastian; Cloots, Alexandra (Eds.) (2019): Zukunft der Arbeit – Perspektive Mensch. Aktuelle Forschungserkenntnisse und Good Practices. 2., aktualisierte Auflage 2019. Wiesbaden: Springer Gabler.