Wie Luft, Licht und Lärm die Gesundheit beeinflussen

24. Februar 2020
Februar 2020

Im Gesundheitswesen wächst das Bewusstsein, dass auch die Architektur eine wichtige Rolle bei der Genesung von Patientinnen und Patienten spielt. Die Projektgruppe Health Care Communication Design der BFH erforscht den Bezug zwischen Architektur und Gesundheit.

Die interdisziplinäre Arbeitsgruppe Health Care Communication Design (HCCD) vereinigt verschiedene Forschende der BFH. Sie stammen aus den Departementen Gesundheit, Architektur Holz und Bau, Wirtschaft, Technik und Informatik sowie aus der Hochschule der Künste. Die Arbeitsgruppe befasst sich mit Problemstellungen rund um das Kommunikationsumfeld, die Architektur, die Gestaltung, die Medizinaltechnik, die Pflege, den Betrieb und die angewandten Praktiken im Gesundheitswesen. Health Care Design basiert auf wissenschaftlichen Erkenntnissen, funktioniert empirisch, bezieht sich auf die Menschen und ist ergebnisorientiert. Konkret bedeutet das: Die Projektgruppe stützt sich auf Studien, verbindet diese mit Erfahrungen und Beobachtungen vor Ort und bespricht die Ergebnisse mit dem jeweiligen Auftraggeber. «Bei unserer Methode steht der Mensch im Zentrum. Vor Ort beobachten wir, wie sich die Menschen bewegen, führen mit ihnen Interviews und erarbeiten so die Bedürfnisse», sagt Boris Szélpal, Professor für Architektur an der BFH. «Es ist eine Qualität unserer Arbeitsgruppe, die evidenzbasierte Forschung mit den Beobachtungen vor Ort zu verbinden und daraus interdisziplinäre Lösungsvorschläge zu erarbeiten», erklärt er weiter.
Die Menschen im Fokus – Architektur soll für Wohlbefinden und Lebensqualität sorgen. (Manuel Stettler, manuelstettler.ch)

Architektur und Gesundheit

Die Forschenden der BFH beschäftigen sich mit der Frage, welchen Beitrag die Architektur zur Gesundung des Menschen leisten kann. Dabei richtet sich der Fokus auf die Patientinnen und Patienten, die Angehörigen und die Mitarbeitenden. «Früher planten die Architekten die Spitäler so, dass sie auf den Patienten ausgerichtet waren», sagt Szélpal. Heute sei die Architektur auch auf die Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer abgestimmt. Dabei gehe es auch um die Krankheitsprävention beim Personal. «Wir möchten, dass die Umgebung bei den Mitarbeitenden Ängste und Stress reduzieren kann», sagt der Architekt. «Deshalb beziehen wir auch familiäre Bedürfnisse mit ein.» Das zeige sich beispielsweise an Ruhe-, Gemeinschafts- und Fitnessräumen, aber auch an Kindertagesstätten und Personalrestaurants, die zum Wohlbefinden der Angestellten beitragen. Weiter beleuchtet die Gruppe Betriebsabläufe, Sicherheitsaspekte und verbessert Prozesse, die nicht funktionieren. «Wichtig ist dabei immer, dass wir mit allen Gruppen sprechen. Mit den Mitarbeitenden, den Ärztinnen, den Patienten und auch mit den Angehörigen. Dabei verfolgt die Projektgruppe Ziele wie die Förderung der Gesundung, die Steigerung des Wohlbefindens, die Reduktion von Ängsten und Stress sowie die Patientensicherheit.

Natürliches Tageslicht und weniger Lärm

Die Basisforschung ist gemäss Boris Szélpal in den vergangenen 20 Jahren enorm weit gekommen. Besondere Auswirkungen auf den Gesundungsprozess hätten vor allem die Parameter Luft, Licht und Lärm. Darauf legte Szélpal auch im Projekt den Fokus, das er für das Blumenhaus Buchegg planen durfte. Die Bildungsstätte mit geschützten Arbeitsplätzen für Menschen mit geistiger oder körperlicher Beeinträchtigung beauftragte das Büro mit der Bedarfsplanung für ein neues Internat für körper- und sinnesbehinderte Kinder. Szélpal setzte bei diesem Mandat die von der BFH entwickelte Methode der Arbeitsgruppe Health Care Communication Design ein. Eine Herausforderung war dabei, dass er nicht direkt mit den Kindern sprechen konnte, sondern nur mit deren Betreuungspersonen.
«Anhand von Workshops, Interviews und Beobachtungen stellten wir fest, dass die Sinne der Kinder und Jugendlichen sehr ausgeprägt sind.»
— Dr. Boris Szélpal
«Anhand von Workshops, Interviews und Beobachtungen stellten wir fest, dass die Sinne der Kinder und Jugendlichen sehr ausgeprägt sind.» Sie könnten besser riechen, hören und sehen als Erwachsene und seien viel lichtempfindlicher. Zur Diskussion stand unter anderem ein grosses Fenster in einem Raum des Internats, das ein Mitbewerber vorgeschlagen hatte. Szélpals Analyse ergab jedoch, dass sich diese Massnahme nicht eignete. Auch die Raumkonzeption wurde von Szélpals Team grundlegend hinterfragt. «Die Kinder verhielten sich in einer offenen Umgebung ruhiger als in abgeschlossenen Räumen. Deshalb machen im Internat Rückzugsräume mehr Sinn als die angedachten Zimmer.»

Nutzung von Architektur im Fokus

Wegen der Lärmempfindlichkeit der Kinder empfiehlt Szélpal auch, auf eine kontrollierte Lüftung zu verzichten. «Wir planen deshalb hohe und grosse Räume, wie wir sie im Süden oft vorfinden, in denen eine gute Luftzirkulation möglich ist und die Lüftung anders funktioniert.» Dank den Befragungen hat Szélpals Team ebenfalls herausgefunden, dass es Kindern mit einer Autismus-Spektrum-Störung im Blumenhaus helfen kann, wenn man ihnen eine Farbe zuweist. Zum Beispiel: Der rote Stuhl ist dein Platz, an den roten Haken gehört deine Jacke, oder in der roten Box liegen deine Süssigkeiten. «Hypersensible Kinder gewöhnen sich besser an Dinge, als an Menschen. Sie brauchen einen Rhythmus und Gewohnheiten. Das schenkt ihnen in ihrer Lebenswelt Sicherheit», sagt der Architekt. «Wir selbst machen keine Architektur, aber wir beschreiben die Nutzung der Architektur. Wir zeigen den Architekten auf, welche Umgebung den Kindern dabei hilft, sich wohlzufühlen.» Er wolle mit seinem Team die Grundlagen schaffen, damit ausgezeichnete Architektur entstehen könne.
Szélpal möchte Architektinnen und Architekten dafür sensibilisieren, bei der Planung vermehrt den Menschen im Fokus zu haben und nicht nur bauliche Kriterien. Dieses Anliegen will er auch im Swiss Center for Design and Health (siehe dazu auch den Text von Christoph Ammann, Regierungsrat Kanton Bern) vertreten: In diesem Living-Lab sollen dereinst designgestützte Lösungen konzipiert, erforscht und getestet werden. Es soll sich unter anderem mit solchen Fragen beschäftigen: In welchen Patientenzimmern werden wir gesund? Wie sieht der Gesundheitsbau der Zukunft aus? Als Vertreter der BFH will Boris Szélpal die Forschung in diesem Gebiet vorwärtstreiben und als Novum in der Schweiz eine Professur für Gesundheitsbauten in Architektur aufbauen.
Informationen zum Fachbereich Architektur der BFH
Informationen zur Arbeitsgruppe Health Care Communication Design (HCCD)