Wie Unternehmen digitale Kompetenzen aufbauen 

25.02.2021
Februar 2021
  • Focus

Die radikale Veränderungskraft der Digitalisierung rüttelt an zahlreichen Unternehmen. Mit klassischen Führungsrezepten kommt man im digitalen Zeitalter nicht mehr weiter. Doch welche neuen Kompetenzen sind relevant, und wie können diese im Unternehmen systematisch entwickelt werden?

Bramwell Kaltenrieder, Professor für Digital Business und Innovation, Studiengangsleiter MAS Digital Transformation, BFH

Während die Digitalisierung für Konsument*innen immer neue Innovationen bereithält, fühlen sich viele Unternehmen durch die digitalen Entwicklungen bedroht. Die Gründe dafür liegen in der radikalen Veränderungskraft der Digitalisierung: Neue Kund*innenbedürfnisse, Technologien und Geschäftsmodelle entstehen mit immer kürzer werdenden Abständen.

Die Digitalisierung rüttelt aber nur auf den ersten Blick am rechtlichen Gebilde des Unternehmens. Es sind vielmehr dessen Mitarbeitende, die vom digitalen Wandel betroffen sind; Führungskräfte und Eigentümer*innen im Besonderen, da diese die erforderlichen Strategiewechsel definieren und deren Umsetzung steuern müssen. Gleichzeitig werden tagtäglich die Forderungen lauter: Manager*innen sollen agiler und flexibler entscheiden, ihre Teams auf «Augenhöhe» führen, neue digitale Ökosysteme aufbauen oder den Mitarbeitenden mehr Beteiligung bei weniger Hierarchie einräumen. Eins ist klar: Mit klassischen Führungsrezepten kommt man dabei nicht mehr weiter. Dem neuartigen Führungsstil «Digital Leadership», der erfolgreiche Führung in Zeiten der digitalen Transformation ermöglicht, kommt deshalb eine zentrale Bedeutung zu.

Noch mangelt es in den Topetagen an Digital-Leadership-Kompetenz: Von über 400 Vorständen börsennotierter deutscher Unternehmen weisen gerade mal acht Prozent Digitalerfahrung auf. Schade, denn Unternehmen, die ihre digitale Transformation Top-Down angehen, verfügen über eine deutlich höhere digitale Reife als jene Unternehmen, die andere Transformationsansätze verfolgen.

Geschäftsleitungsmitglieder, Kader und strategische HR-Verantwortliche, die diese Gaps in ihrer Organisation systematisch schliessen wollen, stehen vor zwei grundsätzlichen Fragen: Welche neuen Kompetenzen sind für Digital Leadership überhaupt nötig, und wie können diese im Unternehmen nachhaltig aufgebaut werden?

Digital-Leadership-Kompetenzen entschlüsselt

Digitale Transformation ist eine Kombination aus Veränderungen in der Strategie, im Geschäftsmodell, in den Prozessen und in der Unternehmenskultur durch den Einsatz von digitalen Technologien mit dem Ziel, die Wettbewerbsfähigkeit eines Unternehmens zu steigern.

Im Rahmen der digitalen Transformation haben Kader in ihren Unternehmen somit in der Regel Veränderungen auf allen drei strategischen Ebenen zu planen und umzusetzen:

  • Kultur: Veränderungen in der Unternehmens- und Führungskultur (normatives Management)
  • Strategie: Veränderungen der Unternehmens-/Geschäftsstrategie mit Positionierung, Geschäftsmodell und Organisation
  • Prozesse: Veränderungen in operativen Fachbereichen, Angeboten, Geschäftsprozessen, IT/Daten

Für die erfolgreiche Bewältigung dieser Veränderungen sind neue Kompetenzen auf allen Ebenen notwendig. Abbildung 1 zeigt exemplarisch die für Digital Leadership notwendigen neuen Kompetenzen, die im Rahmen einer Analyse verschiedener Studien und Publikationen identifiziert wurden.

Systematisch Digital-Leadership-Kompetenzen aufbauen

Der firmenübergreifende Aufbau dieser neuen Kompetenzen ist ein anspruchsvolles Unterfangen. Zielorientiert lässt sich dies auf der Grundlage eines unternehmensspezifischen digitalen Kompetenzmodells bewerkstelligen, das die Unternehmens- oder Digitalstrategie mit den zentralen HR-Instrumenten und -Prozessen wie Anforderungsprofilen, Auswahlverfahren oder Entwicklungsmassnahmen verbindet.

Das digitale Kompetenzmodell eines Unternehmens definiert die aus den Strategien abgeleiteten, priorisierten neuen Kompetenzen je Stellenprofil/Rolle und erlaubt, entsprechende Gaps zu identifizieren und Massnahmen abzuleiten (vgl. Abbildung 2).

Die pragmatische Anwendung dieses Ansatzes bei einem Unternehmen mit über 100 Mitarbeitenden zeigte nach 18 Monaten eine deutliche Stärkung der Digital-Leadership-Kompetenzen.

Die BFH bietet seit über einem Jahr den Studiengang MAS in Digital Transformation an, dessen Aufbau sich an den eingeführten drei Kompetenzebenen orientiert. Eine gesamtheitliche Orientierung des Studiengangs und die Anschlussfähigkeit an digitale Kompetenzmodelle von Unternehmen ist damit gegeben.

Literatur

  • Berghaus, S., Back, A. & Kaltenrieder, B. (2017). Digital Maturity & Transformation Report 2017
  • Kaltenrieder, B. & Reinhardt, K. (2018). Digital Leadership Excellence: Wie Führungskräfte digitale Kompetenz entwickeln. 
  • Kawohl, J. & Wieland, J. (2019). Unternehmergeist und Digitalkompetenz im Mittelstand – verfügen deutsche Geschäftsführer über die Zukunftsfähigkeiten, welche die digitale Transformation erfordert ? 
  • Petry, T. (2019). Digital Leadership: Erfolgreiches Führen in Zeiten der Digital Economy.
  • Zillmann, M., Lünendonk, J. & Rauch, C. (2017). Business Innovation & Transformation – Wo stehen Unternehmen heute?

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