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Dichtestress der anderen Art

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Wo finden ältere Menschen in der Schweiz die passende Umgebung? Das Forschungsprojekt «Stadtlandschaft 66+» des Kompetenzbereichs Dencity der BFH macht sichtbar, wo vier Städte und Dörfer diesbezüglich noch Entwicklungsbedarf aufweisen.

Die Folie könnte in ihrer ästhetischen Aufmachung auch ein modernes Kunstwerk sein. Beim näheren Betrachten zeigen sich die Umrisse der Aare um die Berner Altstadt. Gelbe und blaue Linien überziehen die Karte und bündeln sich zu «Points of Interest» der beiden Farben. Gelb steht für die Bewegungen von älteren Menschen, Blau von jungen Menschen bis 20. Die Folie ist eine Visualisierung von möglichen simulierten Bewegungsmustern in der Stadt Bern. Die getrennten Wege zeigen, dass alle Menschen Ansprüche an Mobilität haben, wir uns aber mit zunehmendem Alter anders im Raum bewegen.

Wir sind mitten in den Ergebnissen der «Stadtlandschaft 66+», einem von Dencity entwickelten Tool für kontextuelle Raumanalysen. Mithilfe von Datenbankanalysen und qualitativen Erhebungen entschlüsselt ein Forschungsteam einen Teil der schweizerischen DNA, der noch wenig erforscht ist. Wie es der Name anzeigt, fokussiert das Projekt auf ältere Menschen ab 66 Jahren. Wo diese wohnen und wo ihre wichtigen Orte, die «Points of Interest», liegen. Dazu gehören unter anderem Einkaufen, Gesundheitsversorgung und beliebte Treffpunkte. Bei gesamthaft über 400 Kategorien und Unterkategorien von ADAM, dem «Automatic Density Analysis Model», sind die Points of Interest nur eines von mehreren Genres. Potenziale und Defizite von Orten, Stadtkernen und peripheren Gebieten werden damit sichtbar. Das Forschungsteam reduziert nicht die Komplexität, sondern erhöht sie mithilfe von Big Data noch und quantifiziert gleichzeitig Kriterien von Lebensqualität. Um die quantitativen Messmethoden wie die Analyse von Big Data zu verifizieren, lässt das Forschungsteam Personen der untersuchten Orte «Points of Interest» auf Karten kleben sowie Fragen beantworten und vergleicht die Resultate mit den Computeraussagen. Zwischen den quantitativ und qualitativ erhobenen Daten ergibt sich eine hohe Übereinstimmung, die Ergebnisse sind wertig. Und sie sind aufsehenerregend.

Um die Resultate angemessen einordnen zu können, muss etwas ausgeholt werden. Die Individualisierung der Gesellschaft schreitet voran, die nun ins Rentenalter eintretenden Babyboomer altern anders. Sie haben Ansprüche, wollen individuell wohnen. Die Individualisierung auch aufs Alter nimmt stark zu, die passende Infrastruktur dazu fehlt aber oder ist noch nicht bereit. Dazu kommen weitere Faktoren wie die Schrumpfung, das Gegenteil der Verdichtung. Diesen Prozess kennt man aus Bergdörfern, er ist aber auch an Orten wie Langenthal oder Huttwil, dem kleinsten der vier untersuchten Orte, zu beobachten: In Huttwil überlagern sich zwei Entwicklungen: Die Schrumpfung und Immobilien als Geldanlage. Letzteres, eine Folge der Wirtschaftskrise von 2001, hat dazu geführt, dass für Geld und nicht mehr für Menschen gebaut wird – man hat das Geld im Beton parkiert. Beide Faktoren führen zu einem erhöhten Leerbestand an Wohnungen. Wohnungen, die nicht in Fussdistanz zum Zentrum liegen und mit dem ÖV oft schlecht oder gar nicht erschlossen sind. Menschen über 65, die ans öffentliche Verkehrsnetz angebunden sind, nützen dieses auch und verzichten auf das Auto, sagt Christine Seidler. Wie im Fall von Huttwil sind jedoch viele Dörfer auf Einfamilienhäuser und motorisierten Individualverkehr ausgerichtet. Ältere Menschen werden von anderen abhängig oder bleiben – gesellschaftlich isoliert – zu Hause. Der Schritt ins Alters- und Pflegheim erfolgt deshalb oft gezwungenermassen verfrüht und nicht primär aus gesundheitlichen Gründen.

Ein modernes Kunstwerk? Nein, eine Visualisierung von möglichen simulierten Bewegungsmustern in der Stadt Bern. Gelb die Bewegungen älterer
Menschen, blau jene der jungen Menschen bis 20.

Verfrüht ins Pflegeheim kostet die Gesellschaft

Das gleiche Resultat sieht man in Zürich, wenn auch aus anderen Gründen. Im Metropolitanraum schafft die hohe Nachfrage teuren Wohnraum. Die sogenannte Gentrifizierung verdrängt die weniger begüterten Seniorinnen und Senioren aus der Stadt. Sie gehen aufs Land – oder eben ins Pflegheim. Letzteres kostet die Gesellschaft massiv mehr, als wenn ältere Menschen zu Hause bleiben und dort ambulant unterstützt werden.

Um das Ziel der Stadtlandschaft 66+, die Steigerung der Lebensqualität älterer Menschen, zu erreichen, schlägt das Projektteam ein Portfolio an Massnahmen vor. Generell sind partizipative Planungsinstrumente gefordert, die den Menschen miteinbeziehen. Wie für die heutigen gilt auch für künftige Generationen: Sie wollen nicht, dass man etwas für sie macht, sondern dass man etwas mit ihnen gemeinsam gestaltet und entscheidet. Im Fall von Zürich ist eine Verdichtung unumgänglich, jedoch optimalerweise etappiert und sorgfältig geplant.

Ein Schlagwort, das wiederholt fällt, ist die «soziale Verdichtung». Auch im Fall von Huttwil empfiehlt es sich, sozial zu verdichten. Das Prinzip der Nachbarschaften vielseitig zu reaktivieren. Mikrozentren aufzubauen. Gemeinsame Verantwortung für ältere Menschen zu tragen. Sie mit sozialen Projekten einzubeziehen. Fahrgemeinschaften für Senioren aufzubauen.

Heilen kann man nicht, aber mithelfen, einen Paradigmenwechsel in der Planungsstruktur einzuleiten.

Partner für Weiterentwicklung gesucht

Stadtlandschaft 66+ steckt noch in den Kinderschuhen, das Potenzial ist erst ansatzweise ausgeschöpft. Das Forschungsteam des Kompetenzbereichs Dencity hat einen knappen Monat lang am letzten Oktober gestarteten Tool Stadtlandschaft 66+ gearbeitet. Nun sucht es Partner, die sich mit dem demografischen Wandel in der Siedlungsentwicklung auseinandersetzen, um das Modell weiterzuentwickeln. Ob Gemeindeexekutiven, Verwaltungen, Bauherren, Wohnbaugenossenschaften oder Altersverbände – mit ADAM lassen sich Lösungsansätze für Antworten auf gesellschaftsrelevante Fragen liefern.

 

«Städtliwerkstatt» in Huttwil

Schweizer Städte schrumpfen, und doch wird weitergebaut. So der Fall in Huttwil. Der hohe Wohnungsleerstand hat negative volkswirtschaftliche und kulturelle Folgen. Mit dem Projekt «Städtliwerkstatt» der BFH werden nun Massnahmen für ein attraktiveres Städtli ergriffen, die die Bevölkerung aktiv miteinbeziehen.